Während der Flucht hatte ich Selbstmordgedanken

geschrieben von Anna Stockheim

„Gerade geht es mir relativ gut, immerhin sind mein Mann und einer meiner Söhne hier“, sagt Zarah, die eine der BewohnerInnen des Camps Kara Tepe ist. Das Interview mit ihr fand vor circa drei Wochen statt, als die Temperaturen noch 10 Grad wärmer waren und es nur ab und zu regnete. Der Zustand des gesamten Camps, der Zelte und auch der Gesundheit der Bewohner nehmen von Tag zu Tag unaufhaltsam mit jedem Regentropfen rapide ab. Wie es Zarah heute geht, wissen wir leider nicht. 

Doch wieso passiert nichts, um den Menschen dort ernsthaft zu helfen? Wie können Deutschland und der Rest der Welt so wegschauen? Einige deutsche Länder und Kommunen wären bereit, deutlich mehr Geflüchtete als bisher aufzunehmen, unter anderem um die Menschen aus dieser Hölle eines Camps zu holen. Doch beispielsweise der Bundesinnenminister Horst Seehofer stellt sich den Angeboten in den Weg. Unter anderem durch Ihn wird Menschen wie Zarah und ihrer Familie eine Weiterreise in ein besseres Leben verwehrt.

Neben der Ignoranz dieses Politikers, trägt auch die griechische Regierung ihren Teil dazu bei: Laut einer Ministerialentscheidung vom 30.11.2020 dürfen im Camp Arbeitende, Freiwillige sowie andere Organisationen weder Informationen noch Bilder weitergeben. Anne Vermeulen war bis vor Kurzem als Freiwillige im Camp und erzählte uns: „Anfangs durften wir nur keine Fotos von den Bewohnern machen, doch schließlich wurde generell verboten, Bilder zu machen, da das Camp auf Militärgelände liegt.“ Ob auch die Bewohner selbst keine Bilder machen dürfen, konnte sie uns nicht sicher beantworten. Ein weiterer Punkt des Beschlusses war die Meldung von ungewöhnlichen Beobachtungen, wozu auch Verbrechen zählen. Diese sollten nur noch an die Leitung des Camps erfolgen, was impliziert, dass keinesfalls etwas an die Presse gelangen soll. Ohne die Möglichkeit adäquater Berichterstattung fällt das Wegschauen natürlich leichter. 

Zarah ist die dritte Frau unserer Interview-Reihe, die wir mit der Hilfe von Amir, einem Geflüchteten, sowie des Projektes „now_you_see_me_moria“ verwirklicht haben. Wir versuchen damit wenigstens ein wenig mehr Nähe zu den Geflüchteten und Verständnis für die Menschen in Kara Tepe, ihrem Leben und Schicksalen zu schaffen. 

Liebe Zarah, wie geht es dir?

Mir geht es relativ gut, zum Glück bin ich mit meinem Mann und meinem Sohn hier.

Wo kommst du her und wie alt bist du?

Ich komme aus Afghanistan und bin 48 Jahre alt.

Konntet ihr euch einen Ort schaffen, der sich zumindest vorrübergehend ein wenig nach Zuhause anfühlt?

Hier im Camp ist das nicht möglich. Ich habe es wirklich versucht, aber die Umstände hier erlauben es einfach nicht.

Wieso habt ihr Afghanistan verlassen?

Wir sind zuerst in den Iran gegangen, da es in unserem Land auf Grund des Krieges zu viel Unsicherheiten und Blutvergießen gibt. Wir hatten durch die internen und ethnischen Konflikte keinen einzigen glücklichen Tag in unserem Heimatland mehr.

Ich würde wirklich so gern zurück gehen, aber wir sind in unserem Heimatland einfach nicht sicher und können dort nicht leben. Ich liebe mein Land so sehr, aber es ist einfach unmöglich, zurückzukehren.

Wo wolltet ihr ein neues Leben anzufangen?

Unser Hauptziel war es, nach Schweden zu gehen, da eines meiner Kinder dort ist. Er ist allerdings schon zu alt dafür gewesen, um uns auf dem offiziellen Wege nachzuholen. Daher haben wir uns entschieden, erst einmal nach Deutschland zu gehen.

Wie seid ihr nach Lesbos gekommen?

Es dauert zu lang, wenn ich mit der Flucht aus Afghanistan beginnen würde, daher werde ich über die Schwierigkeiten und Probleme der Schmuggelroute erzählen.

Wir versuchten über eine Woche lang, über die iranisch-türkische Grenze zu kommen. Während dieser Zeit nahm uns die türkische Polizei zweimal fest und übergab uns der iranischen Polizei. Wir hatten eine wirklich harte Zeit. Ich habe auf dem Weg fast mein Kind verloren, er war schon bewusstlos. 

Wir sind 34 Stunden gelaufen. Diese Zeit war sehr schwer für mich als nicht mehr junge  Frau mit 48 Jahren. Es war so hart, dass ich mich in den Abgrund stürzen wollte. Ich habe wirklich über Selbstmord nachgedacht.

Wie ging es in der Türkei für euch weiter?

Wir waren für ungefähr einen Monat in der Türkei. In der ersten Woche lebten wir auf der Straße, bis uns die türkische Polizei in ein Camp brachte. Aber sie haben uns misshandelt, geschlagen und sagten, wie sollen wieder zurück in unser Land gehen. Wenn wir nicht gehen würden, würden sie uns den Kopf abschneiden.

Wir waren in einem Wohnheim und wendeten uns letztendlich an die Schmuggler. Wir versuchten viele Male wegzukommen und mussten jedes Mal in das Heim zurückkehren. Als es soweit war, waren wir 50-60 Menschen ein einem kleinen Boot. Das Meer war stürmisch und es war so angsteinflößend.

Mich an all diese Erlebnisse zu erinnern ist so nervenaufreibend, dass ich sogar Angst davor habe, mir die Situation noch einmal vorzustellen.

Wie geht es deinen Kindern? Es gibt im Camp keine Schule, keinen Kindergarten?

Nein, hier gibt es keine Schule, sondern nur den Dreck, die Gefängnisumgebung und die endlose Geduld. Ihnen geht es nicht gut.

Was denkst du, wie sich die Situation in Kara Tepe verändern könnte?

Für mich gibt es nur eine Lösung: Die Europäische Union sollte das Camp schnellstmöglich auflösen und uns in die Gesellschaft zurückbringen, damit wir wieder wie menschliche Wesen leben können.

Was wäre dein Wunsch, wenn ihr endlich in Deutschland kommen würdet?

Ich habe nur einen Traum und das ist, dass diese Tage der endlosen Flucht endlich enden. Ich leide Tag für Tag und möchte einfach wieder leben.

Autor: mamaaempf

Mamaaempf ist ein Familienblog aus Hamburg. Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude. Zwischen Frau sein, Familienglück und Nervenzusammenbrüchen.

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