Sie war COVID-19 positiv und hätte eigentlich ins Krankenhaus gemusst

Es ist ein neues Virus und wir wissen alle nicht so wirklich, wie es weitergeht. Viele Fragezeichen stehen uns ins Gesicht geschrieben, aber ebenso (bei den allermeisten) auch ein großes Ausrufezeichen. Corona gibt es! Natürlich! Es ist allgegenwärtig und so langsam kennt jeder jemanden, der erkrankt war oder ist. Was wir auch wissen, ist, dass es verschieden schlimme Verläufe gibt. Wie es uns mit Corona ergehen kann, habe ich verschiedene Personen gefragt, die alle diese Woche zu Wort kommen werden.

Alena – Niederösterreich 

Du bist Krankenschwester. Hast du im Krankenhaus viele Covid-19 Patienten behandelt? 

Ich war von März bis Mai auf einer Covid-Station tätig, also während der ersten Welle. Das war damals die Hölle, wir hatten alle keine Ahnung was auf uns zukommt und das macht Angst. Normalerweise bin ich eine, die Krankheiten gern relativiert (wenn es mich selbst betrifft), geh erst zum Arzt, wenn wirklich gar nichts mehr geht. Aber im Frühjahr war das Gefühl plötzlich ein ganz anderes, ich hatte wirklich Angst vor einer Ansteckung, in erster Linie aber mehr Angst davor, dann eventuell meine Liebsten anzustecken, weil ich eigentlich dachte, dass mir selbst das Virus nicht so viel anhaben wird.

Wir wurden damals von einem Tag auf den anderen aus unseren Stationen rausgerissen und es hieß, du bist jung, du musst auf der Covid-Station arbeiten. Das Team war aus dem ganzen Haus zusammengewürfelt, keiner kannte sich, in so einer schwierigen Situation nochmals eine Katastrophe, weil du dich in dem Job einfach auf den anderen verlassen können musst; es gab keinen Tagesablauf, weil niemand wusste, wie wir es denn richtig machen. Es gab täglich so unzählige stationäre Aufnahmen, weil jeder Verdachtsfall zu diesem Zeitpunkt stationär aufgenommen wurde, egal ob notwendig oder nicht, aber jeder hatte Angst davor, einen Patienten nachhause zu schicken, der dann daheim einen schweren Verlauf hat und niemand merkt es. Und das Schlimmste war, es gibt keine Therapie; man konnte nur zuschauen, symptomatisch therapieren und hoffen… Nach circa drei, vier Wochen wurden wir von unseren Ärzten darauf vorbereitet, dass wir in einigen Wochen da stehen werden, wo zum damaligen Zeitpunkt Italien stand – das bedeutete Triage. Und ich wollte das nicht, ich war damals so fertig mit der Welt, weil ich mir ständig dachte, dafür bin ich nicht Krankenschwester geworden. Und ich war so dermaßen wütend, weil sich so viele Menschen in meinem Umfeld nicht an die Maßnahmen hielten und ich aber tagtäglich sah, was dieses Virus anrichten kann. Das war dann auch der Punkt, wo ich erkannt habe, dass auch mir dieses Virus sehr wohl erheblichen Schaden zufügen kann. Die Ressourcen wurden knapper, die Patienten jünger und ich war emotional wirklich ein Wrack zu der Zeit. 13 Stunden in Schutzausrüstung, die ständige Angst im Nacken, die Diskussionen im privaten Umfeld, weil ich jeden bekehren wollte – das habe ich mittlerweile aufgegeben. Einen Idioten kann man mit Fakten nicht bekehren, meine Lektion des Jahres.

Die Patienten auf der Station damals waren ein Querschnitt durch unsere Bevölkerung, jung, alt, reich, arm, mit Vorerkrankungen, ohne Vorerkrankungen. Und völlig unabhängig davon hatten die einen mehr Glück und die anderen weniger. Glücklicherweise griffen dann die Maßnahmen der Regierung richtig gut und ich glaubte, für einen kurzen Moment hatte auch der letzte Idiot verstanden, dass es jetzt 5 vor 12 war.

Übrigens haben mich damals alle (Familie und Freunde) Miss Corona genannt, weil ich quasi die Corona-Polizei war und mit allen diskutiert hab, wenn sie sich nicht so ganz genau an die Regeln hielten.

Über den Sommer wurde die Station dann wieder aufgelöst und ich konnte auf meine ursprüngliche Station zurück. Mittlerweile gibt es natürlich wieder Covid-Stationen, aber ich musste diesmal Gottseidank nicht mehr dorthin.

Über den Sommer haben wir ja alle wieder ein bisschen vergessen, wie präsent Covid nach wie vor ist. Es fanden wieder Familienfeiern statt, man ging wieder einkaufen, obwohl es vielleicht nicht so notwendig war, die Maskenpflicht fiel, es war fast alles wie vor Corona.

Weißt du, wo du dich angesteckt hast?

Im Oktober haben wir uns in engstem Kreis abends getroffen. Wir waren 6 Personen bei uns im eigenen Lokal (da hatte die Gastro noch normal geöffnet und die einzige Regel war, nicht mehr als 10 Personen an einem Tisch); zwei befreundete Pärchen, mein Mann und ich. Und natürlich haben wir Alkohol getrunken, sicher mehr als notwendig und mit zunehmendem Alkoholkonsum sind dann auch alle Abstandsregeln gefallen – wie dem nun mal so ist, wenn man ein bisserl über den Durst trinkt. 

Am Montag sagte mir mein Mann, dass Peter (von unserem gemeinsamen Abend) sich heute testen lässt, weil er Fieber, Husten und Schnupfen hat. Ich dachte, ich falle in Ohnmacht, jetzt habe ich – die Miss Corona – mich vielleicht beim Fortgehen angesteckt?! Peter war positiv und ich habe bereits am selben Abend die ersten Symptome bekommen. Am nächsten Tag wurde ich dann auch positiv getestet und hatte eine sehr hohe Viruslast. Alle, die an diesem Abend dabei waren, mussten natürlich in Quarantäne (wurden alle zuerst negativ getestet, waren dann aber alle positiv, mit ganz klassischen, leichteren Symptomen wie Husten, Gliederschmerzen). Ich habe in den letzten Tagen dazwischen Gottseidank keinen mehr gesehen (weil ich mich ja EIGENTLICH wirklich sehr zurückgezogen habe während Corona), also wusste ich zumindest, dass ich keinen weiteren angesteckt habe.

Du warst Covid-19 positiv und hattest einen schweren Verlauf. Wie genau sah der aus?

Montag war also Tag 1 der Symptome mit Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, leicht erhöhter Temperatur, Sauerstoffsättigung runter auf 96%.

Dienstags dieselben Symptome, nur dass das Fieber auf 39 Grad stieg und ich ab diesem Tag keinen Geruch und keinen Geschmack mehr hatte (also wirklich Zero! Konnte eine Zwiebel nicht von einem Apfel unterscheiden).

Mittwoch nochmals etwas schlechter, da dachte ich zum ersten Mal darüber nach, ob ich es ohne Krankenhaus schaffe, hatte kaum Luft, wenn ich nur zur Toilette ging, war ich danach so erledigt, dass ich dachte, ich schaffe es nicht mehr zurück ins Bett.

Donnerstag habe ich dann in Absprache mit einem befreundeten Arzt zuhause mit der intravenösen Therapie begonnen, meine Kolleginnen haben mich mit allem versorgt, was ich gebraucht habe und ich habe zuhause dann mit Flüssigkeitstherapie, Cortison und Vitamininfusionen begonnen. (Darf man eigentlich nicht laut sagen, das war ja eine halbillegale Geschichte, aber ich wollte es wirklich vermeiden, ins Spital zu gehen.)

Freitag und Samstag wurde es nochmals schlechter, da bin ich, glaub ich, gar nicht aufgestanden und hab meinen Mann überredet, dass er nicht die Rettung rufen soll.

Ab Sonntag war es dann ein klein wenig besser, da bin ich zumindest schon wieder auf die Couch gewandert, habe aber auch nur gelegen. Das Fieber wurde weniger bzw. hat besser auf die Medikamente reagiert, aber die Sättigung blieb gleich schlecht.

An dem Tag hat dann mein Mann zum ersten Mal mit Symptomen begonnen, ganz gleich wie ich, jedoch hat der Arme eine massive Stomatitis aphtosa bekommen. Das ist eine Herpesinfektion, die durch das stark geschwächte Immunsystem ausbrechen konnte. Der hatte also zu allem Übel auch noch den gesamten Mund offen und konnte nicht essen, nicht trinken, kaum sprechen. Sein Glück war einerseits, dass es mir schon etwas besser ging und dass ich auf einer HNO arbeite, also tagtäglich mit diesem Krankheitsbild zu tun habe. Also habe ich wieder alle Hebel in Bewegung gesetzt und ihm dann zuhause intravenös die Therapie verabreicht und die Mundpflege mit dem Cortison usw. gemacht. Hier habe ich dann aber unseren praktischen Arzt aus dem Ort (einen Freund meines Mannes) mit ins Boot geholt, weil ich Angst hatte, einen kritischen Punkt zu übersehen und ihm dann mehr zu schaden als zu helfen.

Montags ist mir aufgefallen, dass von meinem Schwiegervater immer wieder so seltsame Anrufe kommen, also habe ich ihm einen Arzt vorbeigeschickt. Mein Schwiegervater ist 80 Jahre alt, lebt selbstständig alleine in einem Haus, aber hat eine ganze Latte an Vorerkrankungen. Er war auch positiv und musste gleich ins Spital, hatte hohes Fieber, Sättigung bei 78%. Er hatte eine sogenannte Happy Hypoxie, das passiert, wenn das Hirn so massiv mit Sauerstoff unterversorgt ist und das so schnell geht, dass du’s selbst gar nicht mehr merkst, dass was nicht stimmt. Der Arme musste dann mit dem Krankenwagen die ganze Nacht durch drei Krankenhäudter fahren, weil alle Betten auf den Covid-Stationen in der Umgebung belegt waren. Ehrlich gesagt, habe ich damit gerechnet, dass wir ihn nicht mehr sehen werden. Ich kannte die Verläufe „solcher“ Patienten nur zu gut. Wo er sich angesteckt hat, ist bis heute unklar.

Wir nehmen übrigens alle drei auf Anraten eines Arztes der Covid-Station seit Februar täglich Vitamin C und Zink, beides hochdosiert – also eigentlich sollte man meinen, dass unser Immunsystem in Hochform war. Ich will nicht wissen, wie es ausgegangen wäre, wenn wir das nicht genommen hätten.

Hast du Spätfolgen?

Also mein Mann und ich haben gut drei Wochen NUR gelegen und waren wirklich zu nichts in der Lage, weil wir erstens keine Luft und zweitens keine Kraft hatten. Es hat sich dann drei Wochen einfach gar nichts getan, ist weder besser, noch schlechter geworden. Das Fieber war bei uns beiden nach der ersten Woche weg, die Gliederschmerzen nur noch zeitweise vorhanden.

Nach drei Wochen haben wir es zum ersten Mal geschafft eine Runde im Garten zu gehen, das waren 10 Minuten in super-slowmotion. Der Arzt hat uns während der drei Wochen zweimal die Woche zuhause untersucht und mir alles rezeptiert, was ich für unser Lazarett gebraucht habe.

Wir haben dann versucht, jeden Tag eine Runde mehr im Garten zu drehen, aber es waren immer wieder Tage dazwischen, an denen wir dann wieder nur eine Runde geschafft haben.

Mein Mann ist jetzt seit 1,5 Wochen wieder arbeiten, er ist selbstständig und es war ein Wunder, dass es überhaupt vier Wochen völlig ohne ihn ging. Jetzt schafft er es circa 4-5 Stunden am Tag im Büro zu arbeiten, aber danach ist Schluss und er kommt dann mittags nachhause und schläft den ganzen Nachmittag. Ich muss an dieser Stelle dazusagen, dass er normalerweise einer ist, der nach 10 Stunden Arbeit nachhause kommt und dann noch 50km mit dem Rad fährt oder hier bei uns noch einen Berg besteigt oder so. Davon ist er noch meilenweit entfernt.

Ich bin nach wie vor zuhause, schaffe aber mittlerweile zumindest, dass ich das halbe Haus staubsauge ohne Pause, aber danach ist dann auch Schluss, mehr geht am Stück noch nicht. Wir haben momentan beide um die 97% Sättigung, das ist schon ganz okay, aber wenn du vorher die normalen 99-100% hattest, dann spürst du das schon.

Die Müdigkeit ist neben der Kurzatmigkeit echt ein Wahnsinn, ich könnte nur schlafen, nach 20 Uhr geht gar nichts mehr und ohne 2-3 Stunden Mittagsschlaf schaffen wir den Tag nicht. Also es wird schon noch ein paar Wochen dauern, bis ich wieder 13 Stunden mit FFP3 Maske arbeiten kann.

Mein Schwiegervater war fast zwei Wochen im Spital, hat sich aber wieder komplett erholt. Er klagt auch noch über eine starke Müdigkeit, aber hat ansonsten keine Probleme mehr.

Ich bin 28 und wenn’s mich so „ausknockt“, dann kann man sich vorstellen, was das bei einem Menschen, der vielleicht nicht so gute Voraussetzungen hat, anrichten kann. Das Schlimmste, was ich auf der Covid-Station erlebt habe, war eine 19-jährige, die keine Vorerkrankungen hatte und die wir reanimieren mussten.

Hättest du die Ansteckung verhindern können? Bzw. würdest du jetzt anders handeln?

Jein. War natürlich blöd, dass wir an dem Abend so Gas gegeben haben. Andererseits waren es die sechs Personen, die ich sowieso ständig gesehen habe, meine engsten Freunde. Wir haben uns an alle Regeln gehalten, die damals gegolten haben. Und ich als Miss Corona hab wirklich fast das ganze Jahr auf persönliche Kontakte verzichtet. Dass wir uns an diesem Abend angesteckt haben, war wohl Pech. Aber so schnell geht’s dann und man sieht, dass es einen so schnell plötzlich selber treffen kann.

Autor: mamaaempf

Mamaaempf ist ein Familienblog aus Hamburg. Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude. Zwischen Frau sein, Familienglück und Nervenzusammenbrüchen.

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