Sex in der Schwangerschaft: Der unfreiwillige Dreier

geschrieben von Alina Pelling

Guter Sex ist wie Fahrradfahren. Man kennt das Fahrverhalten, in welchem Winkel man bequem auf dem Sattel sitzt. Wie die Bremsen reagieren, wie man am schnellsten den Gipfel erklimmt. Wann die Kette wieder geölt werden muss, wann welcher Gang eingelegt wird. Mit der Schwangerschaft wird das geliebte Rad plötzlich unter dem Hintern weggezogen, und ein rostiger Drahtesel steht bereit! Und mit ihm ist alles neu, alles fühlt sich fremd an: Plötzlich quietscht es, das Licht funktioniert nicht mehr so richtig, irgendwie treten wir langsamer. Ein schwangerer Körper eben. 

Bevor ich schwanger wurde, fand ich den Gedanken schon immer etwas absurd: Dass plötzlich ein Kind im Bauch ist, während man sich auf dem Laken wälzt. Ein stiller Beobachter, ein ungewollter Dreier. Und doch dachte ich, mein Sexleben würde sich nicht verändern. Wird mir nicht passieren. Notiz an mein altes Ich: Es passiert. 

Als ich meiner Schwester erzählte, dass ich einen Blogpost über „Sex in der Schwangerschaft“ schreiben werde, lachte sie höhnisch: „Und was willst du schreiben? Dass du das auch mal probieren willst?“.  Auch mein Freund reagiert – während ich diese Sätze tippe – amüsiert.  „Einen ganzen Blogpost über Sex in der Schwangerschaft? Da musst du nur zwei Worte hinschreiben: Wird weniger.“  Er lacht, gibt mir einen Kuss auf die Stirn und geht in seinen Bastelkeller.

Im Keller. Da ist auch meine Libido. Neben aussortierten Jeans wartet sie darauf, irgendwann wieder aus dem blauen Sack herausgeholt zu werden. Wird sie nach der Schwangerschaft wieder passen wie angegossen? Gibt es irgendwann wieder Lust statt Frust?

Ich bin in der 36.Woche, das Kind drückt also fleißig auf Lunge, Magen, Blase… und auf die Stimmung. Trotz riesiger Vorfreude auf unser kleines Wesen quälen mich Sodbrennen, Ischias & Co. Keine Phase einer Schwangerschaft gleicht der anderen, und so haben sie auch unterschiedlich unser Sexleben geprägt. 

Das erste Trimester: Da dachte ich noch „Ach, nur diese schweren drei Monate überstehen, dann kommt die heiße Phase, in der sich die Frauen im Hormon-Hurrikane lüstern nach leidenschaftlichem Sex sehnen“.  Dadüm. Wie naiv ich war. Die ersten Wochen waren von Übelkeit, Kreislaufproblemen, und Müdigkeit geprägt – und wer kennt es nicht? Wenn man sich krank fühlt, steht Sex nicht oben auf der Liste. Das ist wie bei einer Grippe. Meine geschwollenen Brüste durften quasi nur berührt werden, wenn mein Freund sie mit Eiswürfeln in den Händen kühlte. Ich glaube, es war damit das erste Mal, dass wir in unserer achtjährigen Beziehung mehr als zwei Wochen abstinent waren. Das hat mir schon etwas Sorgen bereitet, gleichzeitig war ich mir sicher, dass unser Sexleben ganz neue Höhepunkte durch die Schwangerschaft erleben wird.  

Ich war nämlich schon immer ein Fan unseres Sexlebens. Wir sind nicht gut darin, uns zu einigen, welches Poster an die Wand kommt oder Probleme zeitig anzusprechen, aber halleluja: Im Schlafzimmer funktionieren wir. Es ist nicht spektakulär, nicht exotisch, oft nicht mal länger als eine Werbepause (Gott lobe den 7-Minuten-Sex! Ich mag einfach keine wunde Muschi). Aber es macht so Spaß. So sehr. Und das Beste ist, dass wir – so meine innere Statistik –  8 von 10 Mal gemeinsam kommen. Also früher. Das klingt immer doof und utopisch und wie eine Lüge, aber es stimmt. Ich schaffe es nur in der Reiterstellung zum Orgasmus, aber mein Freund spürt, wann es soweit ist, und kann sich gleichzeitig fallen lassen. Diese Luxussituation ist allein ihm geschuldet. (Und damit sich hier niemand schlecht fühlt: Er ist der erste Partner, bei dem ich beim Sex kommen kann. Davor habe ich in meinen unbeholfenen Zwanzigern auch gerne vorgetäuscht. Die gefühlt blödeste Entscheidung, die eine Frau treffen kann. Aber seien wir ehrlich, wer hat es noch nicht getan?)  Doch nicht mit dem Vater meines Kindes! Mit ihm lief es.

Ich war darauf immer sehr stolz: Meine Fähigkeit, perfektes Rührei zu braten und Partnerorgasmen zu erleben. Nun bleibt nur noch das doofe Ei. Ich schaffe es nicht mehr auf den Gipfel. Es liegt weniger am Kopf, der an das Kind in mir denkt oder etwa an meine Figur. Die neuen Rundungen, die Fruchtbarkeit, die Weiblichkeit gefallen meinem Partner sogar. Doch es zwickt und zwackt überall: Der Rücken kneift, ich bekomme „oben“ plötzlich Wadenkrämpfe, ich bin schneller aus der Puste, ich muss die Blähungen in mir halten, der Bauch schuppert gegen seinen. Es ist alles so fucking unerotisch. Klar, wir lachen drüber. Aber das bringt mir meine verlorenen Orgasmen auch nicht wieder. 

Das zweite Trimester: Hier heißt es immer, dass die Frauen steil gehen. Hormonschub, durchblutete Genitalien, rrrrr. In Filmen können sich manche Schwangere kaum zügeln. Ich gebe zu, dass wir in diesem Trimester noch am meisten Sex hatten im Vergleich zur  gesamten Schwangerschaft. Aber es war nichts im Vergleich zu früher. Es war einfach nicht mehr drin, sich spontan auf den Bauch werfen zu lassen. Oder mit ungewaschenen Händen zu fingern. Oder in der rutschigen Dusche auf Zehenspitzen zu stehen.  Die Sicherheit ist im Hinterkopf einfach mit dabei zwischen den Laken, beziehungsweise den Fliesen. Außerdem: Analsex adé, schließlich hat mir die Schwangerschaft eine Analfissur beschert. 

Eine weitere Hürde ist mein Haarwuchs: Ich bin eigentlich Anhängerin des Waxings. Ich fühle mich wohl, ich mag es glatt, ich kann mich beim Oralsex besser fallenlassen. Doch mit der Schwangerschaft werden die Genitalien besser durchblutet, die Vulva schwillt an, wir werden schmerzempfindlicher. Ich habe mich als Schwangere deshalb nie wieder zum Waxing getraut. Ich bin eine Muschi. Eine behaarte Muschi. Nassrasieren verursacht bei mir Pickelchen, deshalb bin ich nun ein Trockenrasierer geworden.  Es wird einfach nicht glatt. Punkt. Es nervt.

Dazu kommt der vermehrte Ausfluss. Der Körper produziert mehr Scheidensekret, wobei der Ausfluss nicht nur seine Konsistenz verändert, sondern auch den Geruch. Oft strenger, wie ich finde. Einmal (zugegeben: Es war Hochsommer und ich total verschwitzt!) lag ich mit meinem Bäuchlein nackt auf dem Bett, den Ventilator auf mich gerichtet. Mein Freund neben mir. Der Luftzug hat meinen zauberhaften Duft wohl zu ihm gewirbelt, worauf er mit nordischem Dialekt sagte: „Nanu, ist das eine frische Brise  Nordseeküste?“. Wir haben beide sehr gelacht. Zum Glück. Ich kann mir vorstellen, dass nicht jeder Mann so liebevoll mit Humor reagiert. Oder mit einem gütigen Lächeln geduldig abends die Dammmassage gibt.  

Was ich außerdem noch loben muss: Ich bin unheimlich froh, dass mein Freund kein einziges Mal Erektionsprobleme wegen des Babys bekam. Aus dem Freundeskreis kannte ich die Geschichten. Der Mann traut sich nicht mehr die Frau zu nehmen, seine Eichel könnte dem Kind schließlich ins Auge pieksen. Natürlich totaler Quatsch, aber Kopfkino beeinträchtigt die Lust. Das Kind ist sicher in der Fruchtblase, der Muttermund ist durch den Schleimpfropf sicher versiegelt , und das Kleine lässt sich durch das Bettvergnügen sicher gerne in den Schlaf wiegen. Ja, sogar der Orgasmus dürfte ihm gut tun. Schließlich werden ihm über die Nabelschnur auch die schönen Hormone zuteil. Mama glücklich, Baby glücklich. Auch wenn man Sexualität und Baby natürlich lieber trennen möchte. 

Für die erotischsten Momente einer Schwangeren muss der Partner nicht mal anwesend sein. Zum Geburtstag wollte ich für meinen Freund einen „Sexy Bauarbeiterinnen 2021“-Kalender basteln. Für seinen Heimwerkerkeller.  Mit lasziven Fotos von mir, in Unterwäsche, mit Bohrmaschine. Halb ironisch, halb ernst. Meine Schwester hat tatsächlich schöne Babybauch-Fotos von mir schießen können, bis die Kabeltrommel kam. Die Idee: In Nude-Unterwäsche habe ich mich in meterlange Stromkabel einwickeln lassen und den Stecker sexy hochgehalten. Das war so lächerlich, dass wir einen Lachanfall bekommen haben. Ich habe mich bepisst. Also wirklich. Das Kind auf der Blase, der Beckenboden zu schwach… das Höschen: Nass. Sind das die neuen Höhepunkte in meinem Leben?  Sich in Dessous vollpinkeln?

Hach, die Hormone. Sie bringen einfach alles durcheinander, obwohl sie so klein und nebensächlich scheinen. Aber sie geben in unserem Körper nun mal die Befehle. Habt Ihr in Euren Computer schon mal einen falschen Code eingeben? Einen falsche Taste auf der Tastatur gedrückt? Es kann das ganze System durcheinander bringen. Eine einzige Taste. So fühle ich mich. Die Schwangerschaft hat mich umprogrammiert, und ich hoffe sehr, dass ich nach der Geburt den Taskmanager starten kann.  Und doch ahne ich: Der komplette Absturz wartet erst noch auf mich. Tropfende Nippel, schlaflose Nächte, Dammschnitte, Scheidentrockenheit, Geburtsverletzungen, ein nie dagewesenes Körpergefühl. Die Aussichten scheinen mir nicht so rosig. 

Was mich tröstet, sind zwei Gedanken: 1) Ist das vielleicht der Preis, den man für eine eigene Familie zahlt?  Also nur zugute meines Sexlebens kinderlos zu bleiben, ist für mich keine Option.  2) Ist alles eine Phase? Ja, vielleicht erwartet mich ein Jahr (oder zwei?) mit einem eingeschränkten Sexleben. Aber ich werde hoffentlich noch viele Jahre leben. Ich peile an, dass ich etwa 86 Jahre alt werde. Damit bleiben mir noch mehr als 55 Jahre Zeit für großartigen Sex. 

Ich bin mir sicher: Meine Libido wird irgendwann zurückkehren. Einmal den Staub aus dem Keller abklopfen, dann geht’s wieder rund. Ich habe außerdem gelernt, nicht zornig auf meinen Körper zu sein, wenn zum Beispiel der Kreislauf während der Reiterstellung wieder schwächelt. Mein Partner braucht sein Blut eben für die Erektion, ich brauche ein extra Portion Blut, um einen Menschen zu bauen. Das ist eben eine große Leistung.  Ja, irgendwann wird aus dem ungewollten Dreier wieder ein liebevoller Zweier. Und ich werde mich auf mein altbekanntes, gut geöltes Fahrrad schwingen, in den höchsten Gang schalten und jede Kurve genießen. So sehr.

Autor: mamaaempf

Mamaaempf ist ein Familienblog aus Hamburg. Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude. Zwischen Frau sein, Familienglück und Nervenzusammenbrüchen.

6 Kommentare zu „Sex in der Schwangerschaft: Der unfreiwillige Dreier“

  1. Liebe Alina, bei mir ist es schon länger her. 16, 13 und 10 Jahre…aber ich kann mich genau erinnern. Genau so ist es gewesen. Jedes Wort stimmt. Ich habe herzlich gelacht beim lesen und war auch ein wenig wehmütig. Alles Gute für deine Entbindung und PS: Fahrradfahren verlernt man nicht 😉

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