Träume in der Schwangerschaft sind verstörend

geschrieben von Alina Pelling

Der Traum beginnt immer gleich. Und das seit Jahren. Immer und immer wieder durchlebe ich dieses Szenario in der Nacht: Ich stehe auf einer Wiese im beigen Flanell Pyjama, muss exakt 3x springen und kann dann fliegen wie Peter Pan. Ich gleite kurz unter den Wolken  – nicht über Nimmerland  – sondern über Hamburg,  die Beine zusammen, die Arme in meine Hüfte gestemmt. Eben wie Peter. Das Problem ist: Wo Peter ist, ist auch Hook. Und Kapitän Hook verfolgt mich. Die ganze verdammte Nacht. Er ist immer kurz hinter mir  – kurz davor meine Zehenspitzen zu berühren  –  und gönnt mir keine Pause. Manchmal mache ich auf Schornsteinen Halt, drehe mich kurz um, da ist er wieder mit seinem Piratenhut, ich schnappe nach Luft und muss weiter durch den Himmel hetzen. Hook erwischt mich nie, der Wecker oder eine volle Blase erlösen mich meist von der Jagd.  

Es ist mein prägendster Traum, der älteste, der häufigste. Wir sind alte Bekannte, eine Hassliebe. Denn Fliegen ist schön, verfolgt zu werden, nicht. Manchmal finde ich morgens müde kaum die Kraft, die Geschirrspüle auszuräumen und denke: Verdammt nochmal, wie soll ich das jetzt noch schaffen? Ich bin doch die ganze Nacht vor Hook geflohen? Die vermeintliche Interpretation ist ein Kinderspiel für Hobbypsychologen: 

Fliegen = Freiheit, Unbeschwertheit 

Hook = Irgendein Problem, dass mich anscheinend beschäftigt und nicht in Frieden lässt. Vielleicht trägt auch meine Aufschieberitis einen Hut mit Feder und einen Haken an der linken Hand. Möglicherweise hetzen mich meine unerledigten To-Do-Liste mit einem Schnubbi durch die Nacht. 

Beiger Flanellpyjama = Wendy & ihre Brüder wurden auch im Pyjama von Peter und Glöckchen abgeholt. Und Peter Pan war von klein auf eines meiner Lieblingsmärchen.

3x springen = Den konnte ich klar entschlüsseln! Bei Super Mario 64 musste Mario  dreimal springen, um den Flugmodus zu aktivieren. Ich habe nicht ewig viel gezockt in meiner Kindheit, aber als meine Mutter einen Bandscheibenvorfall hatte, waren wir viel daheim und besessen von Marios Flugmodus. 

Ich habe sogar (sehr erwachsen!) meine Schlüssel an einem Peter-Pan-Schlüsselband aus Disneyland. Sprich: Ich sehe fast täglich Hooks Fratze und sein höhnisches Grinsen. Er freut sich, dass er mir wieder den Schlaf geraubt hat. 

Das Absurde: Seit ich von meiner Schwangerschaft weiß, hat sich der Traum verändert. Ich fliege nur noch, und niemand ist hinter mir. Ich suche Hook, ich brauche meinen Antagonisten – finde mich, du Schurke! Aber er interessiert sich nicht für mich. Ich sehe ihn in Cafés sitzen, an der Ampel stehen, manchmal sitzt er auf Dachgiebeln und schaut mich einfach nur anteilnahmslos an. Es treibt mich in den Wahnsinn. Müde bin ich am Ende des Traums trotzdem, unbefriedigt, verwirrt. Es fasziniert mich sehr, dass sich dieser Traum gerade zu meiner Schwangerschaft verändert hat. Teeniezeit, Abitur, Studium, Ausland, Städtewechsel, die erste Wohnung, der erste Job – mein Leben hat sich immer wieder gedreht, Hook blieb konstant an meinen Zehen, egal in welchem WG-Bett ich mich unruhig gewälzt habe. Doch Zack, kaum nistet sich ein Zellhaufen in mir ein, läuft das Fass anscheinend über. Genug für den Kapitän das Handtuch zu schmeißen. Das ist doch absurd! 

Natürlich durchlebe ich als Schwangere so oder so wilde Träume: Dass mein Bauch plötzlich eine durchsichtige Scheibe ist, und mir jeder sagt, welches Geschlecht das Kind hat, obwohl ich es nicht wissen will. Von spontanen Presswehen beim Kochen, die mir so gar nicht in den Kram passen, denn die Spagetti brauchen noch 11 Minuten! Sexträume sind natürlich auch dabei, aber nie von schnieken Prominenten, von denen man sich die fünfhundertste Kussszene bei Youtube reinzieht. Es sind komischerweise ungepflegte Männer, widerwärtige Kollegen, vor denen ich mich ekele oder alte Herren mit zerknautschter Haut. Es ist sehr verstörend. 

Jetzt im letzten Trimester träume ich vor allem, dass der Vater meines Kindes mich spontan verlässt und nach Indien auswandert. Auch hier kann ich mir erklären, was da in mir vorgeht: Angst, dass das Kind unsere Beziehung verschlechtert. Dass er mich nicht mehr liebt, nur noch als Mutter sieht. Dazu hat meine beste Freundin einen Inder auf Tinder kennengelernt (Ja! Wir nennen ihn „den Tinder-Inder“).

Reale Probleme   – wie zum Beispiel die Namensssuche fürs Kind  – beschäftigen mich natürlich auch in der Nacht. Einmal habe ich geträumt, dass ich noch in den Wehen den Namen im Krankenhaus auf einen Zettel schreiben musste, mein Partner durfte coronabedingt nicht mit. In Schmerzen und Trance habe ich „Lina-Thomas-Kyle“ auf das Zettelchen geschrieben. Dann lag ich da, mit einem Bündel im Arm (keinen Schimmer, welches Geschlecht), aber mit einem wütenden Partner an meiner Seite. Wie konnte ich unser Kind so benennen? Es sei rechtlich nicht mehr rückgängig zu machen. Sogar ein Juror vom Guiness Buch der Rekorde stand mit im Raum, denn mein „Lina-Thomas-Kyle“ war wohl der weltweit längste genderneutrale Name. Zum Glück bin ich hochgeschreckt und konnte mich an den lebhaften Traum erinnern, er wurde sofort Familie und Freund mitgeteilt, weil ich ihn so skurril fand. Seitdem hat unser Baby im Bauch einen neuen Spitznamen.

Dass wir Frauen in der Schwangerschaft wilder träumen, hat übrigens einen biologischen Hintergrund: Wir haben seichteren Schlaf, wälzen uns mehr umher, wachen leichter auf. Besondere Schuld trifft den Übeltäter „Progesteron“:  Das Schwangerschaftshormon sorgt dafür, dass wir kurz vor dem Ende der REM-Schlafphase aufwachen, also derPhase, in der wir träumen. Dadurch können sich werdende Mütter einfach intensiver und lebhafter an ihre nächtlichen Abenteuer erinnern. Dazu kommen die Lebensumstände einer werdenden Mutter: Der emotionale Cocktail aus Freude, Angst, Hoffnung, Euphorie, Panik. Das Leben wird umgestülpt. Der Körper spielt verrückt, die Gedanken tun es ihm gleich  – und feiern nachts im Unterbewusstsein eine Party. 

Ich habe viel über mich und Kapitän Hook nachgedacht. Und über Adventskalender. Ich habe nämlich mit meiner eigenen Mutter seit Ewigkeiten einen Deal: Sie bastelt mir so lange einen Adventskalender, bis ich einmal eigene Kinder habe. Nun das Dilemma: Der Stichtag meines ersten Kindes ist der 27.November. Kommt es pünktlich, hätte ich   – rein theoretisch  – keinen Anspruch mehr auf Mamas Adventskalender. Kommt mein Baby erst Mitte Dezember, dürfte ich noch einmal unbeschwert 24 süße Türchen in Empfang nehmen. Sowohl das Kalender-Dilemma als auch Hook sprechen, glaube ich, das gleiche Problem an: Ich will nicht erwachsen werden. Ich habe Angst, Nimmerland zu verlassen. 

War ich unschwanger & unbeschwert noch interessant für Sir James Hook, scheine ich schwanger schon ins Reich der erwachsenen Seelen rüberzugleiten. Sind die Abenteuer etwa schon vorbei?  Ich denke, jede Mutter wird mir sagen: Es fängt gerade erst an. Das versuche ich jetzt in mein Unterbewusstsein zu prügeln.  Ich bin gespannt, ob sich der Traum wieder wandelt, wenn das Baby auf der Welt ist. Vielleicht zuppel ich dann meinen Flanellpyjama zurecht, fliege auf den Dachgiebel zu meinem Widersacher, packe den Kapitän mutig am Haken und sage ihm den Kampf an. Und wenn er fliehen will, jage ich ihm hinterher. 

Autor: mamaaempf

Mamaaempf ist ein Familienblog aus Hamburg. Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude. Zwischen Frau sein, Familienglück und Nervenzusammenbrüchen.

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