Ich bin voller Power und gesund – Im Interview mit einem Veganer

Die letzten Wochen haben wir unsere Abende damit verbracht, uns viele Dokumentationen zu unserer Nahrung beziehungsweise unserer Ernährung anzuschauen. Selten saß ich gespannter vor der Glotze, um kopfschüttelnd zu hinterfragen, wieso ich das nicht alles schon eher wusste. Doch eine Antwort konnte ich mir sofort geben: Ich war zu bequem. Eigentlich wusste ich ganz genau, dass wir vieles – trotz bewusster Ernährung – noch falsch machen. Doch dies so plakativ aufgezeigt zu bekommen, ist drastisch. So drastisch, dass es eigentlich kein Weg zurückgibt. Denn wenn wir einmal wissen, wie krank wir unseren Körper mit tierischen Produkten machen. Wenn wir einmal wissen, wie krank unsere Umwelt durch die Massentierhaltung geworden ist, wenn wir einmal mit eigenen Augen sehen, wie sehr die Tiere – wegen uns Menschen – gequält werden, dann steigen wir aus. 

Vegan zu essen, im zweiten Schritt vegan zu leben, ist nichts mehr, was irgendwelche Aussteiger praktizieren. Vegan sein, wird alltagstauglich. Das habe ich auch gemerkt, als ich mit meinen Freunden darüber gesprochen habe, dass ich mich im Moment viel mit dem Thema auseinandersetze. Denn eigentlich jeder, mit dem ich mich darüber unterhalten habe, sagte mir, dass er – genauso wie ich – eigentlich wüsste, dass das besser wäre, auf tierische Produkte zu verzichten, dass es aber etwas mit Bequemlichkeit zu tun hat, es nicht zu tun. Und genau da habe ich verstanden, dass der typische Spruch „mach was du willst, solange du mich nicht belehrst“ in dieser Sache wirklich schwer zu verkraften ist. Denn wenn es wirklich nur noch am „Augen verschließen“ liegt, wir eigentlich alle wissen, dass der Konsum von tierischen Produkten gar nicht für uns Menschen ausgelegt ist, dann frage ich mich wirklich, ob wir nicht alle öfters darüber sprechen sollten.

Ich möchte für mich herausfinden, wie viel Umstellung es für uns Familie bedeutet, vegan zu essen. Ich möchte gerade alle Informationen aufsaugen und verstehen, wie es funktioniert, Veganer zu sein. Möchte Tricks und Tipps kennenlernen, von Vorbildern lernen. Genau deswegen habe ich mich mit Vitalij zusammengesetzt und mich mit ihm über seine Ernährungsumstellung vor zwei Jahren unterhalten. Vitalij lebt vegan, ist Sportler, topfit, Vater von zwei Kindern und kommt ursprünglich aus Russland – weswegen das relevant ist, erzählt er in unserem Interview.

 

Lieber Vitalij, wie kam es dazu, dass du dich vegan ernährst? War das ein schleichender Prozess oder von jetzt auf gleich?

Ich habe mich zwar ein Jahr lang informiert und immer wieder mit dem Gedanken gespielt, aber habe dann von einen auf den anderen Tag gestartet. Am letzten Tag, bevor ich gestartet habe, habe ich noch einen Döner gegessen, mir abends die entscheidende Doku (*alle Dokus und Informationen zu veganer Ernährung findet ihr am Ende des Beitrags) angesehen und am nächsten Tag habe ich vegan gegessen – nun seit knapp zwei Jahren ohne Ausnahme.

 

Du hast mir vor unserem Gespräch erzählt, dass du als Teenager in der Fleischindustrie gejobbt hast. Was ist dir da passiert?

Genau. Noch in der Schule habe ich nach dem Unterricht gejobbt. Ich war in einer Fleischfabrik dafür verantwortlich, Paletten zu verpacken. Dort habe ich gesehen, wie tief der Abgrund sein kann. Das heftigste, was ich dort machen musste, war, dass ich grünes Gammelfleisch verpackt habe. Nach meiner Info an meinen Vorgesetzten, dass das Fleisch vergammelt ist und wir es somit nicht verschicken können, wurde mir nur gesagt, dass ich mich nicht so anstellen soll. Es käme nach Russland, dort würde es verarbeitet und keiner würde was merken.

 

Krass. Aber wenn wir gerade beim Thema Russland sind: Wieso spielt deine Herkunft eine Rolle?

Ich komme aus Russland, wir sind zwar Aussiedler und meine Muttersprache ist Deutsch, aber die russische Kultur ist in unserer Familie natürlich vorhanden. Und da isst man Fleisch! Fleisch ist ein Grundnahrungsmittel und natürlich auch Milchprodukte. Bei uns wurde einfach nie hinterfragt, ob die Ernährung vielleicht gar nicht so optimal ist. Meine Familie akzeptiert zwar jetzt, dass ich Veganer bin, aber das brauchte auch seine Zeit. Nun ist es aber so, dass auch bei Festen immer vegane Speisen vorbereitet werden.

 

Ich habe bei mir gemerkt, dass es viel mit Bequemlichkeit zu tun hat, dass ich mich lange nicht mit dem Thema Veganismus beschäftigt habe. Was sagst du denn als Veganer: Ist es unbequem vegan zu sein?

So lange du es nicht verinnerlicht hast: ja, schon. Denn besonders in Stresssituation, wenn der Hunger dich überkommt, ist es anstrengend, darüber nachzudenken, was du essen kannst. Sobald du dich aber richtig reingearbeitet hast und „vegan sein“ lebst, ist es so in dir drin, dass es nicht mehr unbequem ist. Nichtsdestotrotz schränkt mich mein Essenstil sehr ein. Durch den veganen Hype gibt es zwar immer mehr im Supermarkt zu kaufen, die Lebensmittel sind gekennzeichnet und die Auswahl wird immer größer… doch vegan zu sein, ist nicht Mainstream und deswegen bist du beim Essen immer der Außenseiter.

 

Ist es für dich denn manchmal heikel, zu wiederstehen? Wenn es in einem Hotel zum Beispiel keine Margarine gibt, sondern nur Butter. Ist dann klar, dass du dein Brot trocken ist oder machst du da kleine Abstriche?

Inkonsequenz ist überhaupt keine Option – von Anfang an. Ich bin da sehr radikal und esse dann das trockene Brot. Wenn ich einmal nachgebe, gebe ich immer nach. Bei Freunden und Familie habe ich deswegen eine Zeit lang noch selber etwas zu Essen mitgebracht. Nun wissen sie aber Bescheid und verstehen, was ich alles nicht esse. Aber ich erwarte es nicht. Es ist meine Entscheidung und meine Sache, es zu regeln.

 

Und wenn du zum Grillen einlädst? Gibt es dann nur veganes Essen?

Ja, da müssen meine Freunde dann durch – wenn sie damit nicht klarkommen, müssen sie sich selber etwas mitbringen. Aber bis jetzt hat sich noch keiner beschwert. Wir können unser Essen auch von einem Rost essen, da es bei mir keine religiösen Hintergründe hat. Lustigerweise haben in meinem Familien- und Freundeskreis aber schon einige ihre Essgewohnheiten angepasst und leben auch seit einiger Zeit vegan.

 

Du bist Sportler. Hat die vegane Ernährung dich abnehmen lassen? Oder dein Kraft beeinflusst? 

Nein, ich habe nicht abgenommen dadurch. Ich merke sportlich nichts Negatives durch meinen Lebensstil. Ich merke ausschließlich positive Veränderungen. Mein Körper ist topfit, alles ist leichter – überleg dir mal, dass Fleisch bis zu 72 Stunden braucht, um verdaut zu werden. Da geht’s mir mit Gemüse sehr viel besser. Ich bin voller Power und bin gesund.

 

Lässt du regelmäßig ein Blutbild machen, um zu schauen, ob deine Mirkonährstoffe im grünen Bereich sind?

Ich habe leider kein Blutbild gemacht, bevor ich angefangen habe mich vegan zu ernähren, daher habe ich den Vergleich nicht. Seit meiner Umstellung lasse ich mich aber checken und bin top eingestellt. Das erste Mal habe ich mich nach einem Jahr testen lassen.

 

Welche Mikronährstoffe nimmst du ein?

Essentiell ist Vitamin B12, dass sollte jeder, der sich pflanzlich ernährt, zu sich nehmen.

Dazu würde ich noch Omega 3 (pflanzlich), Vitamin D3 (in Verbindung mit K2) und Vitamin C einnehmen, auch wenn man sich nicht vegan ernährt.

 

Ist Veganismus deiner Meinung nach nur ein Trend? Oder stellt sich wirklich etwas in unserer Gesellschaft um? 

In 20-30 Jahren wird ein Drittel der Menschen bei uns in Europa vegan leben – davon bin ich überzeugt. Ich habe zwar aus egoistischen Gründen damit begonnen, im Laufe der Zeit aber gemerkt, dass es für die Umwelt sein muss. Ich bin mir sicher, dass das viele Menschen verstehen werden.

 

Was sind denn deine fünf Lebensmittel-Tipps für jemanden, der anfangen will, sich vegan zu ernähren?

Meine Nummer eins ist auf jeden Fall Hummus – ein super Brotaufstrich oder Dip für das Gemüse.

Dann auf jeden Fall Gemüse… mein absolutes Lieblingsgemüse sind Pilze, aber auch Avocados sind super gesund und lecker.

Sushi ist mein Liebstes „Fast Food“ – geht so gut vegan. SimplyV ist meiner Meinung nach, der beste Käse.

Zum Grillen gibt es mittlerweile so viele leckere vegane Burger Pattys (Next Level, Beyond Burger, Wonderburger). Den Tofu von Taifun kann ich auch nur wärmsten empfehlen.

Fast vergessen, aber am wichtigsten ist die gute Hafermilch (ich favorisiere die von Voelkel und Oatly), die ersetzt bei uns die Kuhmilch komplett, egal ob für Kartoffelpüree oder Milchreis.

 

Und zu guter Letzt würde mich noch interessieren, welche Dokus du empfehlen würdest, wenn man sich entscheidet, vegan zu leben?

1. What the Health

2. Dominion

3. Cowspiracy

Vitalij findet ihr unter @Vitalij11

Autor: mamaaempf

Mamaaempf ist ein Familienblog aus Hamburg. Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude. Zwischen Frau sein, Familienglück und Nervenzusammenbrüchen.

2 Kommentare zu „Ich bin voller Power und gesund – Im Interview mit einem Veganer“

  1. Interessanter Artikel. Nichts desto trotz habe ich meine eigene Meinung zu veganer Ernährung, die ich hier aber nicht breit treten werde. Das ich nicht vegan lebe; hat auch nichts mit „Bequemlichkeit“ zu tun.
    Wünsche euch trotzdem alles Gute damit!:)

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  2. Vegan zu leben ist eine Lebenseinstellung. Ich weiß, dass Fleisch zu Essen nicht gut für die Umwelt ist…doch das gleiche gilt leider auch für die Vegane Ernährung. Die Flächen für Soja haben sich in verzwanzigfacht….seit den letzten 5 Jahren. Nur um den Markt für Vegane Ernährung zu decken…..Manchmal weiß mal echt nicht, was man tun soll….Ich habe es so gelöst. Ich habe meinen tierischen Proteinverbrauch auf einen Tag in der Woche reduziert. in den restlichen Tag esse nichts tierisches. Ist mein Kompromiss.

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