Eine Zecke? Was soll ich tun? – die Folgen der gefährlichen Blutsauger

geschrieben von Anna Stockheim

„Iiiih, eine Zecke!“, vor den achtbeinigen Parasiten ekeln sich viele Menschen. Acht Beine? Ja genau, Zecken gehören auch noch zu den Spinnentieren, als wäre das Blutsaugen nicht schon genug. Wer am eigenen Körper oder an dem des Kindes eine Zecke findet, sollte sehr wachsam sein, denn sie können gefährliche Krankheitserreger, wie Borreliose oder Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME, in sich tragen. Zecken beißen jedoch wie oft angenommen nicht, sondern erst schneiden sie mit ihren Mundwerkzeugen die Haut des Wirtes auf und um Blut zu saugen, stechen sie im Anschluss mit ihrem zungenähnlichen Apparat zu. Gleichzeitig sondern die Zecken durch ihren Speichel einen schmerzstillenden Stoff ab, damit ihr Wirt den Stich nicht merkt und sie ungestört und solange sie wollen saugen können. Das bedeutet wiederum, dass wir eventuell gar nicht jeden Zeckenstich mitbekommen.

Genau so erging es Michele, deren Tochter wochenlang ein rotes, geschwollenes Ohrläppchen hatte. Dieses auf den ersten Blick untypische Symptom lies die Familie und Ärzte im Dunkeln tappen, bis letztendlich die Diagnose Borreliose entdeckt wurde. Nun, ein Jahr später, hat sie wieder mit einer Borreliose zu kämpfen, doch die Familie war vorbereitet. Auch Luisa wurde als Kind von einer Zecke gestochen, ihre Mutter hat den kleinen Blutsauger gefunden und entfernt. Als sie Monate später in der Schule plötzlich in Ohnmacht fiel, war der Zeckenstich schon längst vergessen. Nur durch einen Zufall wurde eine akute, schwerverlaufende Borreliose festgestellt und erfolgreich behandelt.

Wie können wir uns also vor den kleinen Blutsaugern schützen und im Ernstfall eines Stiches erkennen, ob ein Arztbesuch nötig ist?

Festes Schuhwerk und eine lange Hose, die bestenfalls in lange Socken gesteckt wird, sind sicherlich hilfreich und bei langen Märschen durch Wald und Wiese im tiefsten Bayern realistisch, doch wenn wir ehrlich sind, gewinnen besonders bei hohen Temperaturen, oft Sommerkleid und Sandalen. Denn so eine kleine Zecke, was soll die schon anrichten? Leider können die sogar sehr viel Schaden verursachen, denn sie sind Überträger von Borreliose und FSME. Beide Krankheiten können sich nach einem Zeckenstich durch grippeähnliche Symptome, wie Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen und Fieber, äußern. Bereits an diesem Punkt sollte sicherheitshalber ein Besuch beim Hausarzt erfolgen. Von da an unterscheiden sich die Krankheitsverläufe.

Bei Kindern verläuft eine FSME beispielsweise meist leichter als bei Erwachsenen oder Jugendlichen und meist ist nach diesen Symptomen die Krankheit bereits überstanden. Das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf steigt im Jugend- und Erwachsenenalter auf 30 bis 40 Prozent an. Im nächsten Stadium greift das Virus das Zentralnervensystem an und die mildeste Form wäre eine Meningitis. Eine Hirnhautentzündung geht mit starken Kopfschmerzen, hohem Fieber und auch oft einem steifen Nacken einher. In sehr schweren Fällen kann FSME zu einer Gehirn- und Rückenmarksentzündung führen und Bewusstseins-, Sprach- und Schluckstörungen oder sogar Lähmungen können die Folgen sein. Das FSME-Virus kann nicht medikamentös behandelt werden und so werden bei Betroffenen lediglich die Symptome mit beispielsweise schmerzsenkenden oder fieberstillenden Mitteln gelindert.

Um sich vor einer FSME Erkrankung zu schützen, kann neben angemessener Kleidung auch eine Impfung helfen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) rät allen Personen, die in einem Risikogebiet aufhalten oder leben und von einer Zecke gestochen werden können, sich impfen zu lassen.

Michele und ihr Mann haben sich und ihre beiden Töchter gegen das FSME-Virus impfen lassen, obwohl sie nicht in einem Risikogebiet wohnen. „Da meine Kinder die Zecken ein bisschen anziehen, habe ich ehrlich gesagt Angst vor FSME. Früher habe ich immer gesagt ‚so eine FSME-Impfung kommt nicht infrage‘, aber bei der Masse an Zecken, die meine Kinder nach Hause schleppen, sind beide dieses Jahr für FSME geimpft.“ Micheles ältere Tochter ist erst dreieinhalb Jahre und soll schon beinahe 80 Zecken in ihrem Leben gehabt haben. Bei Spielen im Garten, Erkundungstouren durch den Wald und dem Besuch eines Waldkindergartens bleibt ein Kontakt mit den kleinen Blutsaugern nicht aus. Ihr Entschluss für eine Impfung gegen FSME kommt jedoch nicht nur von der Anzahl der Zecken: Ihre ältere Tochter kämpft momentan bereits ein zweites Mal gegen Borreliose. „Wenn man schon zweimal im Leben eine Borreliose hatte, dann hat man unfassbares Pech, was Zecken angeht und erwischt irgendwie immer die, die infiziert sind. Deshalb haben wir uns nun auch entschlossen, gegen FSME zu impfen“, so Michele.

Vor etwa einem Jahr hatte ihre Tochter ein rotes, geschwollenes Ohrläppchen, was Michele nachdenklich stimmte. Es sah anfangs aus wie ein entzündeter Pickel oder ein Mückenstich, doch als es nach drei Wochen immer noch nicht weg war, ging die Familie zum Kinderarzt. Auch dieser vermutete eher eine entzündete Haarwurzel und verschrieb eine antibiotische Salbe. „Ich habe dann aber noch ein bisschen recherchiert und gesehen, dass es wohl oft bei Kindern eine Borreliose mit einem geschwollenen Ohrläppchen einhergeht, das nennt sich dann Borrelien-Lymphozytom. Dann sind wir kurz darauf noch einmal hingefahren und haben ihm das gesagt, daraufhin hat er meiner Tochter Blut abgenommen.“ Nach dem positiven Befund auf Borreliose begann eine Antibiotikatherapie. „Diese Kinder-Antibiotika sind so super zuckerhaltige Säfte, die man anrührt, und die schmecken nach künstlichem Erdbeeraroma. Das hat sie zum Glück sehr gern genommen.“

Auch ihre aktuelle Borreliose Erkrankung wird antibiotisch behandelt, im Vergleich zu der vorherigen war sie jedoch viel eindeutiger zu erkennen. „Der Stich war am Haaransatz hinterm Ohr. Wir haben dann am Donnerstag ein rotes Ohr gesehen, aber meine Tochter hat gesagt, sie wäre darauf gefallen. Wir haben das trotzdem ein bisschen beobachtet. Freitag nach dem Kindergarten war ein riesengroßer roter Kreis ums Ohr herum, da sind wir dann noch Freitag Nachmittag in den Notdienst gefahren und haben Antibiotika bekommen.“

Wenn zu den anfänglichen Grippesymptomen noch die sogenannte „Wanderröte“ kommt, ist die betroffene Person höchstwahrscheinlich an einer Borreliose erkrankt. Bis die kreisförmigen, großflächigen Rötungen auftreten, können bis zu 28 Tage vergehen oder auch nie sichtbar werden, daher ist es wichtig Zeckenstiche lange zu beobachten. Der Gang zum Arzt ist an dieser Stelle nun dringend notwendig, denn eine unbehandelte Borreliose kann zu starken Schmerzen, Gesichtslähmungen oder Herzproblemen führen, auch eine Hirnhautentzündung kann auftreten.

Das Tückische an einer Borreliose ist, dass die Symptome erst Monate nach einem Zeckenstich auftreten können und die Betroffenen meist den Zeckenstich nicht mehr direkt damit verbinden. Genauso war es bei Luisa. Die heute 24-jährige Sozialarbeiterin lebte mit ihrer Familie in Hessen und ist oft im Garten oder im Wald. Als sie 10 Jahre alt war, entdeckte ihre Mutter eine Zecke an Luisas rechtem Bein, entfernte sie direkt und beobachtete fortan den Stich. Drei Monate später begannen die ersten Auffälligkeiten: „Ich bin in der Schule zweimal umgefallen und ohnmächtig geworden. Der Grund dafür war nicht klar und alle haben sich Sorgen gemacht, nur an den Zeckenstich hat keiner mehr gedacht.“ Bis dahin traten keine Wanderröte oder andere Symptome auf. „Ich hatte weiterhin Gleichgewichtsstörungen und dann kam es dazu, dass ich an meiner rechten Körperseite Lähmungserscheinung bekommen habe. Ich konnte meine rechte Hand nicht mehr richtig bewegen und meine rechte Gesichtshälfte ist dann abgefallen. Das hat meine Mama am meisten schockiert.“

Dennoch hat genau diese Teilgesichtslähmung ihre Mutter hellhörig gemacht. Luisas Mutter war vor nicht allzu langer Zeit an einer Borreliose erkrankt und hatte ebenfalls Lähmungserscheinungen. „Da sind natürlich direkt Signal Glocken angegangen und meine Mama ist sofort mit mir zum Kinderarzt gefahren. Da wurden dann Borrelien im Blut festgestellt und eine akute, schwer verlaufende Borreliose. Ich habe dann über Infusionen ein ziemlich starkes Antibiotikum erhalten.“

Borreliose zeigt sich teilweise so spät oder durch schwer zuordenbaren Symptome und bedarf für eine schnelle Diagnose nicht nur das medizinische Wissen der Ärzte, sondern auch die Aufmerksamkeit der Eltern und anderen Betreuungspersonen. Durch die Sorgfalt Micheles sowie Luisas Mutter konnten bei den Kindern die Borreliosen entdeckt und rechtzeitig behandelt werden.

 


 

Sucht nach einem Besuch im Wald, Park, Garten, Wiese eure Kinder gründlich ab, besonders in Hautfalten, der Kopfhaut und im Intimbereich. Umso eher ihr sie findet, umso geringer ist das Risiko eines Stiches und so einer möglichen Übertragung von Erregern.

Entfernt Zecken so schnell und behutsam es geht, die komplette Zecke samt Kopf muss gelöst werden, ohne den Körper zu zerdrücken.

Markiert Zeckenstiche, vor allem bei Kindern, tragt sie in den Kalender und eventuell in das Vorsorgebuch ein. Schützt euch durch angemessene Kleidung und, wenn ihr der STIKO folgt und ein Risikogebiet besucht oder in einem lebt, einer Impfung.

Wenn ihr oder eure Kinder nach Zeckenstichen Auffälligkeiten zeigt, lasst das unbedingt ärztlich abklären.

 

Karte der FSME-Risikogebiete des Robert Koch Instituts

https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/F/FSME/Karte_Tab.html

 

Bilderreihe Korrektes Entfernen einer Zecke

https://www.lgl.bayern.de/gesundheit/infektionsschutz/infektionskrankheiten_a_z/borreliose/doc/zeckenentfernung.pdf

Autor: mamaaempf

Mamaaempf ist ein Familienblog aus Hamburg. Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude. Zwischen Frau sein, Familienglück und Nervenzusammenbrüchen.

Ein Gedanke zu „Eine Zecke? Was soll ich tun? – die Folgen der gefährlichen Blutsauger“

  1. Ein sehr guter Beitrag! Und sehr gut, dass die Eltern so gut aufgepasst haben und sich selbst auch kundig gemacht haben. Tatsächlich ist eigentlich eine Schande, dass ein Lymphozytom von einem Arzt nicht als solches erkannt wird. Es ist – neben der Wanderröte, die aber nur bei ca. 50% auftaucht – DAS Kennzeichen einer Borrelieninfektion bei Kindern. Was wäre aber gewesen, wenn der Bluttest negativ gewesen wäre, was er in den ersten Wochen und manchmal auch noch später leider oft ist? Hätte dann der Arzt kein Antibiotikum verschrieben? Das ist leider nicht selten. Ärzte glauben oft Tests mehr als ihren Augen. Also ist es wichtig, dass sich Eltern, eigentlich alle, selbst auch gut über diese Infektionskrankheit, die jährlich mindestens ca. 220.000 Menschen erleiden, informieren, z.B. bei Borreliose-Bund.de.

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