Bauchgefühl – wenn alles anders kommt

geschrieben von Sophie Blume

Das erste Mal ein Baby im Bauch. Bedacht, auf all das, was erlaubt und verboten ist, habe ich mich meiner ersten Schwangerschaft hingegeben.

Einmal die Woche zum Schwangerschaftsyoga, an jedem Abend unsere Runde durch den Park. Ich war verliebt in diese Zeit und in die vielen Gespräche und Fragen darüber, wie es wohl sein würde, mit einem Kind in unserem Leben.

Ich hatte viel Zeit für mich, denn als Erzieherin ohne vollen Impfschutz, war ich sofort raus aus dem Beruf. Doch das machte mir nicht viel aus, denn mir war in den ersten Monaten ohnehin sehr übel und im Anschluss überkam mich täglich diese bleierne Müdigkeit, der ich mich unheimlich gern hingab. Was habe ich diese spontanen Schläfchen genossen. 

Ich erinnere mich so gern an diese Zeit mit Babybauch zurück, an die Schwangerschaft, in der ich mich so gut fühlte, so wohl und zuversichtlich. Ich erlebte 41 wundervolle Wochen, in der ich mit Vorfreude auf unser Kind wartete.

Lediglich die Hebammensuche gestaltete sich als nicht so leicht, ich habe viele Frauen angeschrieben, in den meisten Fällen waren sie bereits belegt oder nicht für meinen Wohnort zuständig. Doch dann war da diese kleine hübsche Hebammenpraxis, die noch Kapazitäten hatte und von der ich zu einem Vorgespräch eingeladen wurde. Ich war ziemlich aufgeregt, Vorstellungsgespräche sind eben keine sichere Nummer.

Aber gut, das hatte auch für mich den Vorteil, ganz unvoreingenommen in dieses Gespräch zu gehen. Doch was, wenn es nicht passt? Im Grunde gab es nicht viele Alternativen und was sagt schon dieses eine Gespräch über beide Seiten aus?! Ich wollte auf keinen Fall ohne Hebamme dastehen, denn ich ahnte um ihre Kraft, ihre Ruhe und das Wissen, welches mich vor allem in den ersten Wochen sicher gut begleiten und unterstützen würde.

Ich klingelte und mein Herz pochte laut, eine nette junge Frau öffnete und wir setzten uns gemeinsam an einen kleinen Tisch in einer gemütlichen Küchenecke. Wir sprachen über die bisherige Schwangerschaft, darüber, wie ich mir die Geburt vorstelle – ich wünschte mir und unserem Mädchen eine natürliche, spontane Geburt – und über meine Besuche beim Arzt. Im weiteren Gespräch erklärte sie mir, wie ungünstig sie es findet, dass ich neben ihren Untersuchungen auch noch die Termine bei meiner Ärztin hätte. Solche Termine verunsichern meist nur und seien grundsätzlich auch gar nicht besonders gut für das Ungeborene.

Mir gaben diese Termine jedoch Sicherheit und ich freute mich immer darauf, etwas von unserem Baby zu hören und es ab und an auch sehen zu können. Keine Chance also, mir das auszureden und ich bemerkte zum ersten Mal eine leichte Abneigung gegenüber meiner Entscheidung, die ich rechtfertigend zu erklären versuchte.

Im Großen und Ganzen war das Treffen nicht schlecht, der Funke ist nicht übergesprungen, aber ich gebe Begegnungen gern eine zweite Chance und meine Auswahl an Hebammen war zu diesem Moment, halt warte, ich hatte ja gar keine. Also nahm ich diese Möglichkeit mit ein paar Zweifeln an. Vielleicht hätte ich in diesem Fall lieber auf mein Bauchgefühl hören sollen…

Die Wochen vergingen, ich kam regelmäßig zu meinen Untersuchungen in ihre Hebammenpraxis und fühlte mich mit jedem Besuch verunsicherter, was die Chemie zwischen uns anging. Die Untersuchungen machte sie, soweit man das bei seinem ersten Kind beurteilen kann, gut und ich blieb. Wir hörten wenig voneinander, zwischen den Terminen gab es keinen Kontakt und dann kam die Geburt.

Ich fühlte mich gut vorbereitet, hatte viel gelesen und mich mit der Geburtsvorbereitung beschäftigt. Ich ging mit einem selbstbewussten Gefühl in die Geburt, doch die Kraft verließ mich nach vielen Stunden starker Wehen. Das hier wird kein Geburtsbericht, ich möchte nur so viel sagen: Unser Mädchen rutschte unter den Presswehen, in denen ich aktiv werden durfte, immer und immer wieder sehr weit in den Bauch zurück. Das nahm mir viel Kraft und machte mir ein ungutes Gefühl. Ich sah mein persönliches Horrorszenario vor mir, in dem sich zwei Schwestern auf meinen Bauch stemmen, um unser Kind herauszudrücken.

Alles in mir schnürte sich zusammen und ich hatte so eine Ahnung, dass das nicht funktionieren würde. Die diensthabende Hebamme erklärte mir, dass es theoretisch sein könnte, dass unser Mädchen irgendetwas zurückhält und in meinem Kopf drehten sich die Gedanken weiter. Was, wenn sie irgendwo festhängt, ihre Nabelschnur sie daran hindert zu uns zu kommen und sie am Ende stecken bleibt, weil es schlichtweg nicht weiter gehen kann?!

Mit diesen Gedanken und meinen Gefühlen dazu verabschiedete ich mich von meinem Wunsch einer natürlichen Geburt und bat um einen Kaiserschnitt. Alles in mir fühlte sich plötzlich wieder stark an und ich spürte, dass dies die richtige Entscheidung für uns ist. Die Hebammen und Ärzte willigten ein und nach einer absolut unglaublichen Erfahrung eines Kaiserschnittes, hörte ich den ersten Schrei unserer Tochter.

Sie wurde mir nach den ersten Untersuchungen sofort auf die Brust gelegt und dieser Moment war überwältigend für mich. Mein Herz füllte sich mit Stolz und mein ganzer Körper war voller Liebe. Ich konnte mich nicht gut bewegen, sie nicht richtig halten und wärmen, also bat ich ihren Papa, sich mit ihr zurückzuziehen und ihr die Nähe zu geben, die sie jetzt brauchte.

Als ich genäht war, kam ich ins Zimmer der beiden und sah unser Mädchen auf seiner Brust liegen. Dieser Anblick berührt mich bis heute zutiefst. Ich war glücklich und geschafft und nicht der kleinste Teil in mir zweifelte an meiner Entscheidung zum Kaiserschnitt. Auch wenn es mich etwas traf, die Geburt nicht auf anderem Weg erlebt zu haben, ich war unendlich froh, sie nun gesund in meinen Armen halten zu können.

Ich benachrichtigte in diesen Tagen meine Hebamme über die Geburt und aufgrund unserer Aufenthaltsdauer im Krankenhaus kam per SMS nach einem knappen „Herzlichen Glückwunsch.“ noch ein „Hattest du einen Kaiserschnitt?“ hinterher und wir verabredeten einen Termin für das erste Treffen im Wochenbett, bei dem schon die Begrüßung wenig herzlich ausfiel. Ich wusste nicht, ob das vielleicht so üblich ist, ich hatte ja keinen Vergleich. Es fühlte sich so an, als hätte sie nur Augen für unser Baby gehabt und dann kam das Thema auf den Tisch.

Ihre Worte zur Einleitung waren „Tja Sophie, da hast du die gesamte Schwangerschaft über gesagt, du möchtest auf keinen Fall einen Kaiserschnitt und jetzt hattest du ihn doch!“. Das waren Worte, die ich jetzt hören wollte…
Ihr Blick dabei erinnerte mich an enttäuschte Eltern, ihr Unterton an ein „Dass so etwas passiert, habe ich mir doch gedacht.“.
Ich fühle heute noch diese plötzliche Leere, die mich sprachlos machte und mich zutiefst verletzte. Ich verstand nicht, wie wenig einfühlsam eine Person dieser Berufsgruppe sein kann. Ich stotterte vor mich hin und beschrieb ihr die Geburt. Ich konnte es ja selbst nicht erklären, aber es fühlte sich richtig für mich an.

Da saß ich also. Neben der Frau, die ich so nah in unser Leben gelassen hatte und mit unserem Neugeborenem im Arm, dessen Anblick meine Welt so zerbrechlich werden ließ.
Zum ersten Mal fühlte ich mich mit meiner Entscheidung in Frage gestellt, zum ersten Mal brach dieser gescheiterte Wunsch wieder aus mir heraus und ich fühlte mich, als hätte ich versagt und wäre trotz Kind im Arm, welches ich auf die Welt brachte, keine richtige Mutter. Schließlich habe es nicht allein vollbracht.
Habe ich wirklich genug gegeben, mich genügend angestrengt oder doch zu früh aufgegeben? Darf ich stolz auf uns sein, auch wenn ich für uns diesen Weg wählte?

Meine Antwort lautet ja! Ja verdammt, denn ich habe dieses Kind eine ganze Schwangerschaft über in mir getragen. Ich habe mein Bestes gegeben, damit es gesund bleibt und einen guten Start ins Leben hat. Ich habe es mit Vorfreude und Liebe erwartet, zu ihm gesprochen, gesungen und habe es gestreichelt. Ich habe versucht, es mit all meiner Kraft und meinen Möglichkeiten zur Welt zu bringen und auch wenn ich mich kurzfristig und in unserem Sinne für einen anderen Weg entscheiden musste, habe ich diesem Kind sein Leben geschenkt und wir beide sind gesund.

Jetzt war es an mir, diese Enttäuschung zu verarbeiten, darüber, dass es ganz anders kam, als ich mir das wünschte. Die Schmerzen und diese große Narbe anzunehmen, die so eine Operation mit sich bringt.

Eine Mutter definiert sich nicht über die Art der Geburt ihres Kindes. Um eine Mutter zu sein, braucht es so viel mehr und kein Mensch auf dieser Erde hat das Recht euch und eure Entscheidung in Frage zu stellen. Und wenn ihr das selbst tut und euch dabei für eine Zeit nicht genug fühlt und meint, ihr hättet diesen Namen vielleicht nicht verdient, dann lasst etwas Zeit vergehen. Lasst eure Narbe heilen und mit ihr euren Schmerz. Dieser kleine Mensch legt seine Welt in eure Hände und Irgendwann wird er euch seine Mama nennen und damit hoffentlich viele eurer Zweifel aus dem Weg räumen.

Ich wünsche euch viel Kraft dafür,

Sophie

Mehr von Sophie findet ihr unter kleine.alltagsandenken

Autor: mamaaempf

Mamaaempf ist ein Familienblog aus Hamburg. Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude. Zwischen Frau sein, Familienglück und Nervenzusammenbrüchen.

9 Kommentare zu „Bauchgefühl – wenn alles anders kommt“

  1. Ich habe eine Gänsehaut liebe Sophie. Eine Mutter zu sein definiert sich wirklich nicht über die Art der Geburt. Ich hatte wohl großes Glück mit meiner Hebamme. Mein Sohn ist auch per Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Beim ersten Termin hat sie uns auch gratuliert, nicht so herzlich und überglücklich wie wir es waren, sondern eher höflich aber ernst gemeint. Für uns war es auch das erste Kind. Für meine Hebamme wohl eher das 3. in dieser Woche. Aber nachdem sie die ersten Minuten den Kleinen angeschaut hatte, setzte sie sich ganz ruhig an den Tisch und fragte mich: „Wie geht es dir damit, dass es ein Kaiserscnitt geworden ist? Wie ist es dazu gekommen? Wie fühlst du dich jetzt“

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    1. @Svenni Schindel
      Ich danke dir für deine Rückmeldung. Das freut mich sehr und du hast recht, für die Hebammen ist das eben auch der Job, vielleicht stumpft dieses Wunder bei dem einen oder anderen dann irgendwann ab. Schön aber, wie zugewandt und offen sie damit umgegangen ist. Dass sie sich nach dir erkundigt hat. Ich konnte den restlichen Schmerz dann mit meiner zweiten Hebamme aufarbeiten, die war so wunderbar. Ich hatte großes Glück.

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  2. Was für ein toller Artikel, der mich sehr sehr berührt. Auch ich habe meine Tochter nach einigen Stunden im Kreißsaal letztendlich per Kaiserschnitt entbunden und das Thema beschäftigt mich bis heute sehr. Deine Worte dazu sind aber so tröstlich und schön – ich glaube sie werden mir dabei helfen, die Erlebnisse weiterhin zu verarbeiten und gedanklich zur Ruhe zu kommen… danke! 😊

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    1. @Anneke, danke dir, das sind so schöne Worte und wie sehr würde mich das freuen, wenn ich mit diesem Beitrag jemandem ein bisschen Trost und Zuversicht geben könnte. Meine zweite Geburt hat mich erst so richtig abgeholt. Meine Hebamme war großartig und das war Balsam für die Seele.

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  3. Ich kann dich sehr gut verstehen. Ich habe mit unserer Hebamme auch keine guten Erfahrungen gemacht. Das erste treffen war auch von meiner Seite eher ein nein aber ich dachte das ist ja nur der erste Eindruck. In der Schwangerschaft war ich zufrieden hab mich zu 80% gut aufgehoben gefühlt. Nur das leichte Gefühl das sie mich persönlich nicht mag hatte ich immer.
    Und nach der Geburt als das stillen nicht klappte und sie mir Ihrgendwann vorwarf mich nicht zu bemühen (6 Wochen hab ich es versucht und dann kraftlos aufgegeben) und ich weinte und sie mich 20 min fertig machte kam sie nie wieder.
    Sie meldete sich auch danach nie oder fragte wie es uns geht. Ich bin traurig aber da geht es aus meinem Geburtsvorbereitungskurs allen so. Ich wurde auch aus der Krabbelgruppe ausgeschlossen mit den Worten das ich da nicht hinpassen würde. Aber das sagt sie nur anderen nicht mir. Traurig das ich von jemanden der so eine intime Zeit begleitet hat so enttäuscht wurde.

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    1. Jacqueline, ich danke dir für das Teilen deiner Gedanken und Gefühle zu diesem intimen Thema. Ich kann so gut nachfühlen, wie verletzt du bist.
      Es ist genau diese Sache, man lässt einen Menschen so nah und wird so enttäuscht, ich glaube auch, das hat mir mehr weh getan, als es nicht „geschafft“ zu haben.

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  4. Hallo Sophie!
    Wie unfair und gemein das klingt!!
    Ich habe selbst vor 12 Wo ein wohl ungefähr ähnliches Horrorszenario durch. Nur ohne Kaiserschnitt. Über 2 Std gepresst wie bekloppt. Irgendwann kam der Chefarzt, hat sich auf mich geworfen, mir Rippen geprellt und angeknackst. Aua. Andere Stellen waren auch ordentlich kaputt. Schlimmer als alles Andere war allerdings die Tatsache dass unsere Tochter fürchterlich blau zur Welt kam, mit Nabelschnur um den Hals. Sie wurde nach dem der Kopf sichtbar war direkt abgenabelt und kurz später beatmet. Über 20min war sie von mir weg. Gefühlte Ewigkeiten. Ich alleine, in meinem eigenen Saft. Horror. Zum Glück ist alles gut gegangen. Scheinbar keine dauerhaften Schäden! …Worte können so gemein, ungeschickt und völlig unangebracht sein. Ich musste mir einen Satz wie, dass ICH ihr mit jeder Presswehe die Nabelschnur fester um den Hals geschnürt habe, anhören. Das ist natürlich das Letzte, was ich wollte. …und gibt mir erstmal fürchterliche Schuldgefühle. Nach dem ich die ganze Schwangerschaft alles nach bestem Gewissen getan habe.. und jetzt war ich es, die es ihr so schlecht hat gehen lassen.
    Ich weiss es natürlich besser und trotzdem bleiben solche hässlichen Worte hängen!

    Alles Liebe! ♡
    Nadine

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    1. Liebe Nadine,
      das klingt nach einer sehr aufreibenden und schmerzvollen Erfahrung und ich danke dir von Herzen, dass du sie mit mir geteilt hast.
      Das hat mir grad nochmal Kraft und Zuspruch für meine getroffene Entscheidung gegeben.
      Ich hoffe deine Verletzungen sind auf gutem Wege zu heilen und ihr könnt euer noch recht neues Familienglück nun unbeschwert genießen.
      Danke dir und alles Liebe! 🤍

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      1. Genau das wollte ich mit meiner kleinen Erzählung bezwecken. Deiner Entscheidung zusprechen!
        Lieben Dank nochmal zurück. Uns gehts gut. Mir gehts gut! Hätte meine Wortwahl und meine Art zu erzählen vielleicht nochmal überdenken sollen! …habe ich kurz später gedacht. Sorry! Wollte niemand Anderen „verschrecken“

        Mal abgesehen davon dass ich am Ende unsere zweite Tochter im Arm halten durfte, war auch diese Geburt auf ihre ganz eigene Art schön! Wirklich!
        …eben mit länger anhaltenden Kampfspuren 😉

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