Die zweite Geburt – wenn Wunden heilen müssen

geschrieben von Sonja Noé

Alles begann mit der Einleitung am Samstag morgen um 11 Uhr, die ich so gern verhindern wollte, aus Angst noch mal dasselbe durchmachen zu müssen, wie bei meiner ersten Entbindung mit dem Ausgang Notkaiserschnitt. Ich war traumatisiert – alles damals lief schief und ich hatte daran im Nachhinein unterbewusst wirklich zu knacken. Dieses Mal sollte alles anders kommen und das tat es auch…

Vorbereitet war ich dieses Mal bestens. 8 Wochen Louwen-Diät, gesunde Gewichtszunahme, Yoga, Mentaltraining und mein Hypnobirthing-Kurs hatten mich täglich durch meine Schwangerschaft begleitet. Ich war so voller Vorfreude auf den großen Tag, an dem ich sie endlich kennen lernen dürfte. Meine Challenge war dieses Mal unbedingt natürlich zu entbinden.

Am Tag 10 über Entbindungstermin stimmte ich, nach einigem hin und her und vielen Tränen am Vortag, der Einleitung zu. Die Hebamme legte mir an diesem sonnigen Vormittag das Gel und schloss mich ans CTG an. Wir sollten drei Stunden rausgehen und dann schauen, was sich getan hatte. Felix und ich verzogen uns ins Auto und schauten uns noch eine Runde Shameless an, pennten immer mal wieder ein und machten uns eine entspannte Zeit. Um 17 Uhr besprachen wir uns mit dem Arzt, denn getan hatte sich nichts. Ich war enttäuscht, gab die Hoffnung aber nicht auf. Wir legten die zweite Dosis Gel und es ging erneut ans CTG. Währenddessen hörte ich meine Meditation und entspannte dabei mit Felix Hand in meiner. Gegen 19 Uhr wurde es Zeit für ihn nach Hause zu gehen, denn zu Zeiten von Corona zu entbinden, hieß (in meinem Fall glücklicher Weise noch), der Mann darf nur mit in den Kreißsaal, wenn die Geburt kurz bevorsteht. Als die Hebamme mich auf mein Zimmer brachte, verabschiedeten wir uns und ab dato war ich vorerst mit mir allein, denn Jackpot…Einzelzimmer! Das entspannte mich, ich hatte keine Lust auf fremde Menschen und wollte für mich sein, falls es losgehen  würde. Ich richtete mich ein, zog mir was Gemütliches an, schmiss mich aufs Bett und das Tablet mit meiner Serie an. Das klappte genau eine halbe Stunde bis ich das erste Mal eine ordentliche Wehe zu spüren bekam. Yeah! Ich freute mich. Jede weitere Wehe war willkommen! Es ging also los. Ich telefonierte später noch mal mit Felix und meinte, dass ich denke, dass ich die Nacht nicht mehr schaffe und er sein Handy laut lassen sollte (sein Tiefschlaf ist unberechenbar). Ich schmiss meine Playlist an, steckte meine Kopfhörer ins Ohr und fing an zu tanzen. Mein Zimmer war meine Tanzfläche und bei jeder Wehe hockte ich mich vor das Bett und schwang mein Becken im Takt der Musik hin und her. Ich war absolut in meinem Flow – und würde jederzeit in diesen Zustand zurückwollen. Es war magisch und die Zeit verging wie im Flug… ich fühlte mich so verdammt gut. Um vier Uhr wollte ich mal im Kreißsaal anfragen, wie es mit einem Schmerzmittel aussah, denn ich hatte bereits seit über 40 Stunden nicht geschlafen (die Nacht davor zu Hause hatte ich ordentliche Wehen, die mich wachhielten) und ich wollte gerne fit sein. An Schlaf war allerdings so gar nicht zu denken…
Die Hebamme untersuchte mich, gab mir zwei Zäpfchen mit aufs Zimmer und wünschte mir eine gute Nacht. Mein Muttermund war 1 cm offen und ich freute mich darüber so sehr, dass ich total glücklich unterwegs war. Wer noch nie eine Öffnung des Muttermunds erlebt hat, für den kann so etwas wirklich Motivation bedeuten.
Auf dem Zimmer kamen die Zäpfchen auch ganz schnell wieder ans Tageslicht, weil mein Körper sich langsam Platz verschaffen wollte… im Halbstundentakt ging ich zum Klo und freute mich selbst darüber. Naja, ihr wisst warum: Jede werdende Mama freut sich über alles, was vor der Geburt  den Körper verlässt, pikantes Thema… Mittlerweile war ich so müde, dass ich mich nach jeder Wehe kurz aufs Bett legte und wegdöste … schade nur, dass 2 Minuten einfach sehr kurz sind, um sich auszuruhen. Um sechs hielt ich es nicht mehr aus und ging (mit einer klischeehaften Pause an der Wand) zum Kreißsaal zurück. Die Hebammen hatten gewechselt und ich lernte meine Geburtshebamme nun kennen. Sie war jung, ruhig und sehr emphatisch. Eine Frau, die auf jeden Fall den richtigen Beruf gewählt hat. Sie meinte, wir könnten einen Tropf probieren und das taten wir dann auch, bis heute frag ich mich, was der helfen sollte. Sie untersuchte mich und wir waren bei 2 cm. Yeahh! Ich wollte baden und durfte Felix anrufen damit er losfuhr, um mich zu unterstützen. Zu wissen, den Kreißsaal nicht mehr ohne die Räuberin zu verlassen, war ein krasses Gefühl. Ich saß in der Wanne und atmete so vor mich hin. Felix war nach gefühlten 5 Minuten neben der Wanne und streichelte mir den Kopf.

Ich tönte und bewegte mich, hatte immer noch die Kopfhörer im Ohr. Mir wurde immer übler… bis ich sofort aus der Wanne musste, nur noch rief: „Gib mir sofort den Mülleimer!“ und treffsicher den gesamten Inhalt meines Magens darin entleerte. Ich wollte jetzt etwas gegen den Schmerz. Musik dafür nicht mehr. Wir testeten noch einen Tropf, der mich aber einfach nur verrücktes Zeug labern ließ und so zumindest Felix noch ein paar Lacher verschaffen konnte. Ich war für eine PDA, denn wer weiß, wie lang es noch gehen sollte. Die Hebamme untersuchte mich. 6 cm! Wow! Das ging schnell. Sie wollte mich nur noch mal eben ans CTG anschließen, mich dann noch mal untersuchen und würde dann dem Narkosearzt Bescheid geben. Zwischendurch kam der Oberarzt und befand die Idee mit der PDA für eine „Erstgebärende“ auch als gut. Alle schauten, dass es mir gut ging und wir meinem – so sehr gewünschten Ziel einer natürlichen Geburt – näherkamen. Eine halbe Stunde später erschrak die Hebamme mich dann mit den Worten „Sie  brauchen keine PDA, 9 cm. Ab in den Kreißsaal!“ Ich war fassungslos vor Glück, so weit zu kommen, schien mir insgeheim immer unmöglich. Mittlerweile war ich so benommen von allem, aber trotzdem innerlich so glücklich, dass es nicht mehr lange dauerte,  bis die Räuberin da sein würde.  Sie bereitete alles vor und wir warteten auf den letzten Zentimeter. Ich weiß nicht mehr wie viel Uhr es war… mein größtes Problem war der trockenste Mund, den ich je hatte und ein Druck nach unten, als würde hier gleich ein sehr unangenehmes Missgeschick passieren. Ich trank nach jeder Wehe eine große Tasse Tee, lehnte mich an Felix an und entspannte mich auf dem Gebärhocker. Wir starteten. Bei jeder Wehe sollte ich einfach mal mitschieben. Das tat ich. Wir versuchten es eine Zeit lang dort. Eine Ärztin kam hinzu, untersuchte mich und schlug einen Platzwechsel vor. Ich kniete mich aufs Bett. Mittlerweile waren zwei Ärzte und zwei Hebammen dabei. Es war für mich aber zu keiner Zeit störend. Bei jedem Pressen schrie ich so laut, wie noch nie, ich hätte niemals ruhig drücken können, weil ich sonst geplatzt wäre. Meinen Mund zu öffnen und alles raus zu lassen, war für mich die beste Methode. Schlussendlich lag ich auf der Seite, winkelte die Beine an und wurde von allen Seiten angefeuert, irgendwie total verrückt, aber in dem Moment wirklich hilfreich. Felix wich mir nicht von der Seite, schaute sich von oben alles mit an und mit einem Mal war auch schon der Kopf da. In derselben Wehe kam auch noch der Körper mit einem Schwall hinterher und bis heute frage ich mich, wie ich dieses Gefühl beschreiben könnte… befreiend trifft es ganz gut.
Es war halb zwei am Samstagmittag, da lag mein Mäuschen nun und ich nahm sie dem Arzt, der sie mir hinhielt, aus den Händen. Ronja, mein Herz! „Sie sieht aus wie Mateo und zieh mir sofort mein Shirt aus“, war das erste, was aus mir herauskam. Ich wollte sie nur noch auf meiner Haut haben und küsste sie überall. Der ganze Schmodder auf ihr war mir so egal – alles meins! Sie war so perfekt. Liebe auf den ersten Blick – zum zweiten Mal! Unglaublich… hatte ich mich doch so oft gefragt, ob das möglich ist. Als die Nabelschnur auspulsiert war, schnitt Felix sie durch und wir warteten auf die Plazenta. Wir ließen uns das Teil noch ausführlich erklären, Felix machte ein Foto davon und dann wurde die Räuberin untersucht.

Wow! „Nochmaaaal“ – dachte ich noch im Kreißsaal. Ohne Witz, das war der Wahnsinn!  Also wurde im Kreißsaal noch Kind Nummer drei geplant und meine Mama, Schwester und Schwägerin angerufen. Ich musste allen gleich erzählen, dass ich es geschafft habe, so stolz war ich darauf und auf das wunderschöne Kind in meinem Arm. Ich bekam eine Binde mit der Größe einer Plane eingelegt, einen sauberen Kittel an und setzte mich auf. Es sah, sagen wir mal: wild aus. Danach stand ich auf, packte mein Zeug zusammen und lief erhobenen Hauptes, „feeling like a Queen“, in einen ruhigen Raum zum Kuscheln.

Meine kleine Ronja hat mir gezeigt, dass Geburt auch etwas sehr Schönes sein kann und ich weiß jetzt, dass mentale Stärke und gute Vorbereitung sehr viel Wert sein können. Mal sehen wann ich das noch mal erleben darf ;-).

 

Autor: mamaaempf

Mamaaempf ist ein Familienblog aus Hamburg. Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude. Zwischen Frau sein, Familienglück und Nervenzusammenbrüchen.

Ein Gedanke zu „Die zweite Geburt – wenn Wunden heilen müssen“

  1. Wunderbar liebe Sonja. Habe mich so auf deinen Bericht gefreut!!
    Macht Freude auf meine nächste Geburt ☺️😍
    Viele Grüße
    Geraldine

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