Und auf einmal bist du groß. Der Abschied vom Einzelkind.

Ich kann das Gefühl gar nicht richtig in Worte fassen. Irgendwie steckt ein wenig Wehmut dahinter, dann ganz viel Freude, Rührung und Liebe. Nur ein Gefühl, dass hat sich in Luft aufgelöst: Sorge. Sorge, dass ich keine gute Mama für zwei Kinder sein kann. Denn ich merke schon jetzt, dass zwei Kinder wirklich die Liebe verdoppeln.

Nichtsdestotrotz wird es vor dem Kennenlernen, vor dem Baby mit nach Hause bringen, einen Abschied geben. Ein „auf Wiedersehen sagen“ ohne wiedersehen. In Almas Worten ein „Tschüss! Komme wieder!“ ohne, dass es wieder so kommen wird. Ein letztes Mal „Mama, macht das Baby gerade Haia?“. Ein letztes Mal „Ich will auch dem Baby Tschüss sagen!“. Denn es wird sich vieles verändern, alles verändern. Wir werden einer mehr sein. Alma wird von ihrem Thron geschmissen, auch, wenn sie diesen ab jetzt nur teilen muss, wird es sich so anfühlen. Ich werde dieses eine Mal, bevor ich das Krankenhaus betrete, das letzte Mal mein großes Kind küssen, ohne ein kleines Kind im Arm zu halten. Ein letztes Mal nur wir zwei, die sich in den letzten Jahren so eingespielt haben. Unser Team wird auseinandergenommen und wir müssen jemanden neuen begrüßen. Ein bisschen so, wie damals in der Schule, als nach den Sommerferien auf einmal ein neuer Mitschüler in der Klasse stand, der sich an unseren Cliquentisch gesetzt hat. Man wusste, dass wir jetzt einer mehr sind. Man verabschiedete sich vor den Sommerferien und kam danach neu zusammen. So auch bei uns

Zehn Monate habe ich Zeit, mich darauf vorzubereiten. Und in den letzten acht Monaten hat sich meine Sorge gelegt. Denn ich habe gemerkt, dass dieser Neuanfang für uns alle gut werden wird. Dass wir bereit sind für etwas Neues. Dass Almas und mein Team stark genug ist, damit es einer mehr werden kann. Und dass Hörby und Alma so fest miteinander verankert sind, dass ich auch ruhig ein wenig beiseite treten könnte. Erkenntnisse, die einerseits hilfreich und schön sind, anderseits aber auch zeigen, dass das alles so vergänglich ist. Dass in den letzten Monaten nicht nur mein Bauch gewachsen ist, sondern auch unser großes Kind, die Beziehung zu ihrem Vater, die Bindung zu mir.

Der Tag des Abschieds von meinem Einzelkind rückt also immer näher. Die Freude, auf den Moment, in dem sie ihren Bruder das erste Mal sieht, steigt in mir auf. Der Moment, auf den ich mich wohl am meisten freue. Der Moment, der jeden Abschied vergessen machen wird. Und doch spüre ich schon jetzt den Kloß im Hals, wenn ich weiß, dass das unsere letzte Umarmung sein wird. Du mir zurufen wirst „Tschüss Mama! Bis bald! Komme wieder!“ und ich dir sagen werde, dass wir dann, wenn ich wieder komme, einer mehr sein werden. Und dann werden wir „zusammen-wachsen“, zusammenwachsen. Wir werden ein noch viel besseres Team werden. Ich sehe euch schon jetzt morgens zusammen in unserem Bett liegen, schlafend und Händchen haltend. Dazwischen Puppe Anna, die bis dahin ein guter Bruderersatz war. Ich sehe schon jetzt, dass ich die Zeit mit meinem Einzelkind ab und an vermissen werde, dass ich mir sie bestimmt auch mal zurückwünschen werde. Doch dann werde ich sehen, dass mein nun großes Kind viel weniger das Einzelkind sein vermisst, sondern ihre Geschwisterbeziehung genießt. So wird’s kommen. Und bis dahin schlucke ich meinen Kloß herunter.

Autor: mamaaempf

Mamaaempf ist ein Familienblog aus Hamburg. Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude. Zwischen Frau sein, Familienglück und Nervenzusammenbrüchen.

Ein Gedanke zu „Und auf einmal bist du groß. Der Abschied vom Einzelkind.“

  1. Schön hast du das geschrieben. Und ja, vor der Geburt des zweiten Kindes denkt man genau so. Ist ein bisschen (oder sehr!) sentimental. Aber wenn das zweite dann da ist und wen die vielleicht anfänglich bestehenden Turbulenzen der Neufindung rum sind, sieht man: Das vormals „Einzelkind“ hat nicht die Mama und den Papa zur Hälfte verloren, sondern es ist noch eine Person dazugekommen, die dem „Einzelkind“ liebe schenkt. Und für das zweite und jedes weitere Kind, die uns als Eltern nie für sich hatten, sind einfach mehr Menschen da, die zur Kernfamilie gehören und die es lieben. Natürlich gibt es immer auch Geschwisterstreit, das ist ja normal, aber man hat eben auch viele Menschen, die einen lieben, je mehr Geschwister man hat. Und die Großen profitieren auch von den Kleinen, das erste Kind ist bei uns eher schüchtern und als das zweite Kind da war, hat es sich mit ihm an der Hand viel mehr getraut, und das ist aber anders als wenn Mama oder Papa mitgegangen wären. Da wächst ein ganz anderes Selbstbewusstsein dadurch heran. Geschwister sind nicht nötig, dass sich ein Kind gut entwickelt, aber ich finde es ist ein toll, noch mehr Menschen als Mama und Papa zu haben, die man liebt und die einen lieben. Beim dritten dachte ich oft was für ein Glück es hat, dass so viele Menschen für es da sind, den Schnuller reinstecken wenn ich grade nicht kann, vorsingen, streicheln, ablenken, quatsch machen, Geschwister können das ganz anders als Erwachsene, da ist plötzlich eine Gang. Vielleicht ist es auch das, was man vor der Geburt des zweiten noch nicht sehen kann: Plötzlich sind die Kinder eine Gang, man ist als Erwachsener, als Mama da schon auch ein bisschen raus – zum Glück für die Kinder. Da haben sie plötzlich jemanden auf ihrer Ebene, der ist wie sie und eben nicht erwachsen. Das ist ganz großes Glück und es wird sie ja auch ihr leben lang begleiten. Das ist vielleicht das erste größere Loslassen der Eltern: Wenn ein geschwisterkind kommt, wird einem bewusst, dass das Kind eher auf der Ebene des ersten Kindes ist, näher dran als man selbst je sein wird. Ist ja auch wenn sie dann erwachsen sind so: Irgendwann sind die Eltern alt, aber die Geschwister sind – sofern der Altersunterschied nicht zu groß ist – immer irgendwie ähnlich. Ach, Geschwister sind toll und Familie sowieso!

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s