Unverhofft und für immer – aus Hörbys Sicht III

Ich: Tick, tick “Hi.“ Sie:“Hi.“ Ich grinse. Sie grinst. Ich grinse weiter bis über beide Ohren. Vielleicht sogar eine halbe Sekunde zu lange. Vielleicht genau richtig, damit sie merkt, dass ich baff bin. Oder minderbemittelt. Die kleine Gruppe Ballermann-Australier, die mit Nina am Tisch saß, wendet sich sofort ab, als sie merken, dass sie über ein „hey man, haus i goin, maaan?“ bei uns nicht hinauskommen.

„Wie war deine Pizza? Wolltest du mir nicht ein Stück übriglassen?“ Sherlock hat gesprochen. Der blonde Engel im schwarzen Kleid saß vor einem leer geputzten Pizzateller. Sie schmunzelt. Jackpot.

An viel mehr kann ich mich aus unserem ersten Dialog gar nicht erinnern. Jedoch an die sonnengebleichten Wimpern und Augenbrauen, die blonden Locken zur braungebranten Haut und natürlich die blau-grau-grünen Augen, in denen ich mich schon in den ersten Sekunden verlor. Die Tattoos die ihren linken Arm zierten und hinter ihren Ohren hervor blitzten, wenn sie den Kopf drehte. Der Knoten in ihrem Kleid um es etwas zu kürzen und die Birkenstocks. Die Sommersprossen.

Wir redeten etwas über Hamburg und ihren Job. Wie es sein kann, dass wir uns in Hamburg noch nie über den Weg gelaufen sind. Wie alt sie wirklich ist und warum Tinder sagt sie sei 28. (Das kommt übrigens davon, wenn man kein Alter angibt und seine Zielgruppe aber mit bspw. 24-32 einstellt. Das eigene Alter wird dann als Mittelwert der Zielgruppe angezeigt. Für alle die, die also auf der Jagd nach Sugardaddys und Cougars sind: Gebt lieber euer richtiges Alter an als auf einmal mit um die 40 statt Mitte 20 angezeigt zu werden.)

Heute wird mir noch vorgehalten, dass es komisch war, dass ich keine Fragen gestellt habe. Keine Ahnung woran es liegt, aber ich habe seitdem Besserung gelobt. Es liegt nicht an fehlender Anteilnahme. Ich tue mich nur schwer oberflächliche Fragen zu stellen, während ich gleichzeitig Angst habe, mit zu speziellen Fragen jemandem auf den Schlips zu treten.

Die Sonne war längst untergegangen und die Stimmung wurde durch den steigenden Alkohol- und Schweißpegel angeheizt. Zum Glück hatte ich ja mein schwarzes T-Shirt an. Wir hatten mittlerweile zwei oder 3 drei Bintangs getrunken und beschlossen, uns auf die Tanzfläche, ins Getümmel, zu stürzen. An der Bar vorbei, wo Peter seinen Barhocker bezogen hatte, einfach mitten rein. Dort trafen wir auch den Rest meiner etwas hinkenden Crew wieder. Ein kurzes „Hi“ von Nina an Briley und Leon, ein kurzes Augenzwinkern und einen Daumen hoch der beiden an mich. Ein kurzes Winken der beiden britischen Mädels, die aber eher desinteressiert wirkten. Wir tanzten etwas abseits von Ihnen und kamen uns näher. Wir tanzten dicht umschlungen bei 32 Grad, fast 100% Luftfeuchtigkeit, einer leichten Brise, auf einer Klippe zu feinster Musik und mit einem Kniff in den Po. Moooooment. Nicht ich kniff Nina in den Po. Ich stellte fest, dass auch nicht Nina MIR in den Po gezwickt hat. Was komisch, aber in Ordnung gewesen wäre. Nein. Die Blonde der beiden Britinnen hatte mir in den Allerwertesten gezwickt und mir einen undefinierbaren Blick zugeworfen. Keine Ahnung, was ich davon halten sollte oder ob sie mir was mitteilen wollte. Ich ließ die Situation mit einem Stirnrunzeln gut sein und Nina bekam nichts davon mit. Stattdessen entschuldigte Nina sich kurz, ging zur Toilette und wollte auf dem Rückweg einen neuen Schwung Bintangs mitbringen. Kaum war sie weg: Der erneute Kniff in meinen Hintern. Die Britin fing an zu brabbeln. Ich hielt ihr mein Ohr hin „I thought you and Briley were gay!?“ Ähhhhmmmm. Nein. Ganz offensichtlich: Nein. Aber Danke der Nachfrage! Kann ich jetzt weiter die Mutter meiner Kinder erobern? Danke.

Als Nina zurückkam tanzten wir weiter. Ich entdeckte das Große Tattoo, das sich von ihrem Nacken bis unter die Schulterblätter erstreckte. Die Hand Fatimas. Wir küssten uns schließlich. Erst flüchtig dann immer mehr. Und: mit einem satten Zwicken in meinen Po! Ist das denn die Möglichkeit?

Mit der Feststellung, dass Briley und ich nicht im Single Fin waren um uns gegenseitig zu erobern, begann es unter den beiden anderen Mädels, zu tuscheln. Für sie offenbarte sich eine ganz neue Perspektive. Und daraus eine Offensive. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob Briley vielleicht doch auf Männer stand, aber auf ihn hatten sie es nicht abgesehen. Mit dem erneuten Kniff in den Po beugte ich mich nochmal zu den Britinnen rüber. „I think you‘re totally rad!“

Was heißt das? Die Floskel kannte ich nicht und bei der Lautstärke war ich mir auch nach dem dritten Nachfragen nicht sicher, ob ich sie akustisch, geschweige denn inhaltlich verstanden hatte. Heute, bzw. bereits nach dem ersten mal googlen, weiß ich: Sie hatte sich Hals über Kopf in mich verknallt. Von jetzt auf gleich, von „gay“ auf hetero, von „Wir lassen das Abendessen weg, damit der Alk besser knallt und gehen schon mal auf der Tanzfläche auf die Jagd“ zu „Mich wirst du nicht mehr los.“ Nina und ich gingen Richtung Bar. Ich wollte sie abschütteln. Ich ließ Nina kurz an der Bar alleine, um pinkeln zu gehen. Auf der Toilette traf ich die Ballermann-Australier wieder und bekam gerade noch mit, wie der eine schrie „ Hey guys, look! I’ll hit the ceiling!“ und ich konnte gerade noch in Deckung gehen. Wiiiiiiieeeeeederlich. Ich weiß nicht wie, aber der Typ am Pissoir hat es irgendwie geschafft, sein bestes Stück so zu halten, aufzuladen und auszuwringen, dass er es schaffte, mit seinem Strahl die Decke in 2,50m Höhe zu treffen. Allen fiel die Kinnlade herunter und ich war froh, dass er lediglich sich selbst bepisst hatte. Was ist hier eigentlich los? Lange halte ich es nicht mehr aus. Ich bezog das Pissoir, das am weitesten vom Geschehen entfernt lag. Als ich zurück an der Bar war, schilderte ich Nina kurz, was gerade passiert ist, merkte aber schnell, wie bekloppt sich das anhörte und ließ es gut sein.

Es wurde bald Zeit. Die Partys auf Bali starten früh, sind aber auch früher zu Ende – meist so gegen 1:30 Uhr. Also merkte ich Nina an, dass das wahrscheinlich unsere letzte Runde auf der Tanzfläche sein durfte und sie kommentierte mit „Na dann schauen wir mal wo wir die Aftershow-Party hinverlegen“, nahm mich an die Hand und zog mich auf die Tanzfläche. Während Nina diesen Satz so meinte, wie sie ihn gesagt hatte, dachte ich, es wäre eine Einladung zu ihr gewesen. Egal wie sie es meinte, es ist passiert, wie ich es gedacht habe. Nachdem wir noch eine Stunde küssender Weise auf der Tanzfläche verbracht hatten (ohne weitere blaue Flecken im Hintern oder Australiern die pinkeln wie ein Rasensprenger) räumten wir das Feld. Vom Rest meiner Crew nichts mehr zu sehen schlenderten wir den Hügel zum Taxistand hinauf. An diesem Wort stimmte zwar nichts, weil es keine Taxis – sondern private Fahrer und der „Stand“ eine Kurve war, aber dort konnte uns auf jeden Fall jemand von hier weg bringen. Wir kauften noch zwei große Flaschen Wasser am Kiosk und dann wurde erst mal gefeilscht. „One-fiffy!“ lispelte uns der Erste entgegen, umgerechnet 10€. Da Ninas Apartment noch auf der Halbinsel lag, wusste ich, dass es nicht mehr als 100k kosten sollte. Während wir noch gar nicht besprochen hatten, dass wir dort zusammen absteigen. „One hundred!“ rief ich zurück. „Nooooo, one-twenny, okay? Come come.” Ich zu Nina: “Wenn wir einen Schritt weg gehen, wird er sofort einknicken, weil er Angst hat, dass wir mit jemandem anderen fahren.“ Wir hatten nicht mal den halben Schritt hinter uns schrie er schon „one hundred, okay okay!“ Ich stellte fest, dass ich kaum noch Geld hatte.

Nach 20 Minuten Rumgeknutsche, etwas Schritttempo und zwei U-Turns später, hatten wir tatsächlich die winzige dunkle Stichstraße zu Ninas Apartment gefunden. Sie löste uns aus und die Frage, ob das so richtig ist, dass ich mitkomme, kam nicht mehr auf. Es fühlte sich für uns beide so an, als würden wir nach Hause kommen. Falls wir es bis dahin schaffen, denn in der dunklen Gasse lauerten ein halbes Dutzend Hunde, die für nichts anderes da sind, als den Hof zu hüten und jedem in die Hacken beißen, der ihm zu nahe kommt. Ich war zum Glück gegen Tollwut geimpft und hatte jedoch schon mehrfach mitbekommen, wie Leute verletzt wurden, weil sie nicht wahrhaben wollten, dass die wirklich beißen. Hunde, die Bellen beißen nicht, trifft auf Bali nicht zu. Also wedelte ich mit den Armen „Schhhh, Schhhh, haut ab!“ und machte zeitgleich Eindruck bei Nina. Der Retter in der Not.

Nina schloss die Tür auf. Wir kippten uns jeder einen Liter Wasser rein und gingen nacheinander Duschen. Was dann passierte, bleibt geheim.

Der nächste Morgen. Die Sonne schien ins Zimmer, ich trank den Rest Wasser aus und ging auf die Toilette. Ich stand am Fenster neben dem Bett und schaute nach draußen. „Bei Airbnb stand Blick auf die Reisterrassen“sagte sie, ich kicherte. Zu sehen war eine ausgetrocknete, aschige Wiese, auf der ein (an einem Holzpflock befestigter) Wasserbüffel aus einem Eimer fraß. „Fast!“ antwortete ich und warf mich zurück aufs Bett. Nach ein wenig Rumgealber, fragte mich Nina, ob ich mit frühstücken gehen wolle. Sie war gestern in einem kleinen Eckcafé in der Nähe, wo es leckere Fruitbowls gibt. Ich: „Klar, lädtst du mich ein? Kriegst du wieder, mein Geld liegt im Hostel.“ Mit der Antwort hatte sie nicht gerechnet. Wir zogen uns an und schwangen uns auf den Roller. Ich fuhr, ohne Helm, Nina hinten drauf. Auf der Fahrt schlang sie sich fest um mich. Ich dachte schon, es läge an meinem Fahrstil, aber es war für sie nur ein guter Vorwand, mich etwas zu begrabbeln. Angekommen im Cafe quatschten wir über Ninas letzten Tag. Was sie heute noch so vor hatte, wann ihr Flug ging, was sie noch für Mitbringsel besorgen musste und ich gab ihr einen Tipp, wo sie mittags in Seminyak essen gehen könnte. Ich erzählte von meinen Plänen in Vietnam. Als wir schließlich wieder auf dem Roller saßen, fuhren wir zu meinem Hostel. Nina schlug natürlich aus, dass ich ihr noch Geld zurückgebe, stattdessen bekam ich Ihre Handynummer, denn Tinder sei ja auf Dauer nicht zu vertrauen. Wir küssten uns. Küssten uns nochmal und umarmten uns. Bedankten uns für den schönen Abend und versprachen, in Kontakt zu bleiben. Dann fuhr sie davon. Meine Nina. Mit den blonden Locken, die unter dem Helm heraus guckten. Die Journalistin auf dem Roller wie Karla Kolumna.

Ich trottete ins Hostel und wollte am liebsten direkt ins Zimmer, mich duschen und umziehen, musste aber leider am Aufenthaltsraum vorbei. „Heeeeeeey!“ schrie Leon. Ich grinste. Ich hatte das Bett über ihm und er wusste, dass es noch genauso gemacht war, wie ich es gestern bezogen hatte. Ich blickte mich um. Briley grinste mir ebenfalls entgegen. Peter saß mit dem Rücken zu mir und ein paar neue Leute waren wohl heute angekommen. Die drei saßen noch beim Frühstück mit den anderen, als ich aus der Dusche zurück kam. Ich setzte mich dazu und hoffte, dass Briley und Leon Bock hatten, mit zum Strand zu kommen. Leon brannte es unter den Fingern. Das war nicht zu übersehen und er fragte mit seiner tiefen Stimme, ob ich gestern bei der Blonden mit den Locken untergekommen war. Ich nickte. Leicht beschämt, aber auch etwas stolz. Auf einmal sprang eins der Mädels am Tisch auf und rannte in ihr Zimmer. Alle waren perplex. Als ich dann das Mädel anschaute, das neben ihr gesessen hatte und auch sie anfing leicht den Kopf zu schütteln und hinterher zu gehen, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die beiden Britinnen saßen mir direkt gegenüber. Mit riesigen, dicken Brillen und Augenringen, im Pyjama und 3kg (Schminke) leichter, hatte ich sie schlichtweg nicht erkannt.

geschrieben von Hörby

Autor: mamaaempf

Mama aempf ist ein Mamablog aus Hamburg. Mama Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude.

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