#abtreibungistfrauenrecht

geschrieben von Aida Nuss

Abtreibung. Eine Diskussion, die gerade in den sozialen Medien nicht kontroverser sein könnte. Die Reichweite an Argumentationen und Meinungen, sowohl Pro als auch Contra, reicht von wissenschaftlich erwiesenen Tatsachen über Verszeilen aus der Bibel und letztendlich sogar bis hin zu persönlichen Beschimpfungen und Beleidigungen. Sogar beim Lesen einer Zeitung hat man das Gefühl, dass selbst Journalist*innen es schwer fällt, richtige Worte zu diesem Thema zu finden, um es so neutral wie möglich an die Bürger*innen heranbringen zu können. Woran liegt das eigentlich und warum spalten sich die Meinungen gerade bei diesem Thema wie bei keinem anderen? 

Gehen wir doch einmal zurück an den „Anfang“, bzw. zu den Basics. 

Hier in Deutschland ist der Schwangerschaftsabbruch nicht legal, dennoch unter bestimmten Bedingungen straffrei. Welche Bedingungen das sind, verrät uns §219a des Strafgesetzbuches. Zum einen muss die Schwangere durch eine Bescheinigung nachweisen, dass sie sich mindestens drei Tage vor dem Eingriff hat beraten lassen. Zum anderen muss der Schwangerschaftsabbruch von einem Arzt vorgenommen werden und schließlich dürfen seit der Empfängnis nicht mehr als zwölf Wochen vergangen sein. Es gibt Meinungen, die hier schon sagen, dass eine Abtreibung in einem so späten Stadium (max. 12 Wochen) nicht rechtens sein kann und darf. Das würde ich an dieser Stelle aber gerne erst einmal so stehen lassen. Was jedoch einen gewaltigeren Schub an Empörung in der Bevölkerung auslöst, ist der §219a StGB. Dieser untersagt den Ärztinnen und Ärzten zu ihrem „Vermögensvorteil“ Informationen über Schwangerschaftsabbrüche anzubieten. Durch die Reform im Dezember 2018 wurde dieser Paragraph nun auch in den sozialen Medien viel thematisiert. Denn die Reform beinhaltet nicht die Umänderung oder Streichung dieses Paragraphen, sondern lediglich eine Erweiterung um zwei weitere Absätze. Darin enthalten ist nun, dass Ärzte nur darauf hinweisen dürfen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen und darauf, dass weitere Informationen bei zuständigen Bundes- oder Landesbehörden einzuholen sind. Das mag für den einen oder anderen keinen Unterschied machen, den gibt es in der Praxis aber sehr wohl. Denn während eine Ärztin oder ein Arzt darauf hinweist, dass er Abtreibungen vornimmt, hat er noch lange nicht darüber beraten. Und abgesehen davon, dass das Thema Abtreibung dadurch mehr oder weniger zu einem Tabuthema wird, hat diese Regelung noch eine Reihe von weiteren bedenklichen Nebeneffekten. Aber erst einmal so viel zu der Situation in Deutschland. 

Schauen wir nun einmal in Richtung der USA. 

Man könnte schon fast sagen, dass das, was wir in Deutschland haben, alles Peanuts sind, wenn wir an den 15. Mai 2019 zurückdenken. Das war nämlich der Tag, an dem der Senat vom US-Bundesstaat Alabama ein Abtreibungsverbot beschlossen hatte. Ärzte, die eine Abtreibung vornehmen, muss demnach mit einer Haftstrafe von 10 bis 99 Jahren rechnen. Alabama ist dabei nicht der einzige Staat. Ohio, Georgia und vier weitere Staaten verschärfen langsam aber sicher die Regelungen rund um die Abtreibung. Texas denkt sogar über eine Todesstrafe nach. Eine Abtreibung ist nur dann möglich, wenn das Leben der Mutter durch die Schwangerschaft akut gefährdet ist. Das bedeutet, dass auch Mädchen und Frauen, die vergewaltigt wurden, nicht abtreiben dürfen, auch nicht in Fällen von Inzest. Was genau verbirgt sich also hinter einem solchen Gesetz? 

Alabama liegt quasi im Bibelgürtel der USA, es ist ein tief religiöser Staat und im Landessenat herrscht eine männliche Republikanermehrheit. Es ist also kein Wunder, dass eine solche kontroverse Gesetzesvorlage Anklang findet und durchgewinkt wird. Der Hintergrund dieses Gesetzes ist also stark religiös geprägt, gesundheitliche Gründe dürften dabei wohl eher zweitrangig gewesen sein. Es liegt auch auf der Hand, dass beim Entwerfen des Gesetzes eindeutig zu kurz gedacht wurde, denn generelle Verbote hatten noch nie die Wirkung, die man sich anfangs vielleicht erhofft. Ganz im Gegenteil, Menschen versuchen ihre Ziele auf Umwegen zu erreichen, koste es was es wolle. Und so ähnlich ist es auch bei der Abtreibung. Sie verpufft nicht einfach, wenn man sie verbietet, das „Problem“ wird also nicht gelöst, vielmehr wird dadurch eine gefährliche Kette von weitreichenden Folgen ausgelöst. Durch das Verbot wird das „Problem“ also erst zum Problem. So entsteht die Gefahr, dass Abtreibungen eben illegal, quasi unter der Hand, durchgeführt werden. Und das wird höchstwahrscheinlich nicht in einer klinischen und sterilen Umgebung stattfinden. Spinnt man diesen Gedanken weiter, landet man zwangsläufig im Mittelalter, wo Frauen zu einem zwielichtigen „aberkannten“ Arzt gerannt sind, um das ungewollte Baby entfernen zu lassen, möglichst schnell, möglichst anonym. Zugegebenermaßen ist das wohl das Worst-Case-Szenario schlechthin und insgeheim möchte man gar nicht daran glauben, dass so etwas heutzutage noch möglich ist. Viel wahrscheinlicher ist, dass Frauen ins Ausland reisen werden, wo Abtreibungen legal vorgenommen werden können. Nordirland ist dabei ein gutes Beispiel dafür, dass es tatsächlich so stattfindet. Laut dem Humanistischen Pressedienst reisten in den Jahren 2017 und 2018 über 900 Frauen aus Nordirland nach England und Wales, weil auch in ihrem Heimatland Abtreibung unter Strafe gestellt ist. Eine solche Reise muss man sich zum einen erst einmal leisten können. Gerade finanziell schwächere Frauen sind von einem solchen Abtreibungsverbot stark getroffen, auch in Alabama. Es gibt eine Liste mit Ländern mit leichtem Zugang in Bezug auf Abtreibungen, auf dieser sind beispielsweise Österreich, Frankreich, Belgien und noch ein paar andere gelistet. Abtreibungskosten in diesen Ländern belaufen sich auf einen Betrag zwischen 200€ und 500€. Kein Summe, die eine Frau aus der unteren finanziellen Schicht einfach so mal hat. Bei diesem bleibt es jedoch nicht, es kommen Reise-, Aufenthalts-, und Verpflegungskosten dazu, ganz abgesehen davon, in welchem psychischen Zustand sich die Frau befinden muss und das alles in einer ungewohnten Umgebung. Dazu kommt die sprachlichen Barriere, sodass die Aufklärung womöglich nicht zu 100% verstanden und nachvollzogen wird. Das ist aber natürlich abhängig von der Sprache der Betroffenen und des jeweiligen Landes. Zudem ist es auch nicht mit diesem einen Eingriff „erledigt“. Die Reaktionen nach einer Abtreibung können sehr unterschiedlich sein. Manche Frauen verfallen beispielsweise in eine tiefe Trauer. Es ist also nur sinnvoll sich über längere Zeit beraten und betreuen zu lassen. In einem Staat mit Abtreibungsverbot, wird eine solche Betreuung wohl kaum angeboten werden. Es ist schlicht und einfach eine reine Zumutung ins Ausland flüchten zu müssen, nur um Gebrauch von seinem eigenen Recht machen zu können. Und an dieser Stelle werden die Befürworter dieses Gesetztes sagen: „Ja, dann treibe halt nicht ab.“ Die Frage ist doch: Ist das wirklich eine sinnvolle „Alternative“? Was bedeutet es, ein Kind auf die Welt zu setzen, es zu erziehen, immer da zu sein, Verantwortung zu tragen? Diese Frage kann doch tatsächlich nur eine Mutter beantworten. Genauso, wie auch nur einen Mutter nachempfinden kann, wie schwer es sein kann, wie viel es von einem abverlangt und wie viel man als Mama einfach einstecken muss. Das alles lässt sich bestimmt mit Liebe abwägen, aber leicht ist es allemal nicht. Und wenn dann ein 14-jähriges Mädchen, das noch selbst ein Kind ist, ein Kind auf die Welt bringen muss, sollte man sich ernsthaft fragen, ob die Aussage „Dann treibe halt nicht ab“ wirklich angebracht ist. Und selbst wenn es kein 14-jähriges Mädchen ist, sondern eine 20-jährige junge Frau oder eine 30-jährige junge Frau. Laut profamilia finden in Deutschland die meisten Abbrüche übrigens bei Frauen zwischen 25 und 35 Jahren statt. Das sind erwachsene Frauen, die bestimmt nicht ganz leichtsinnig schwanger geworden sind und jetzt ganz leichtsinnig abtreiben wollen. Eigentlich ist es doch aber ganz egal, wie alt eine Frau ist, es ist vielmehr entscheidend, wie ihr Leben ausgestaltet ist, was für ein Mensch sie ist, ob sie die Mittel dazu hat, ob sie vielleicht auch einfach gar keine Kinder möchte. Das ist auch ein berechtigter Wunsch, keine Kinder haben zu wollen. Wie „gerecht“ ist es dann, einer Frau diesen Wunsch zu verwehren und sie per Gesetz dazu zu zwingen, das Kind zu behalten. Dinge passieren im Leben, vielleicht hat das Verhütungsmittel nicht ordentlich gewirkt, vielleicht wurde man vergewaltigt, vielleicht hat man nicht nicht die finanziellen Mittel, vielleicht erlaubt es der Beruf nicht, vielleicht vielleicht, vielleicht. Im Endeffekt ist das Leben jedes Menschen individuell. Gerade bei diesem Thema hat man das Gefühl diese Tatsache besonders betonen zu müssen. Wir können und dürfen nicht darüber urteilen, ob eine Frau ein Kind behalten möchte oder nicht, es bleibt die Sache und die Entscheidung dieser Frau. 

Natürlich kann man sich darüber streiten, ob man dem Fötus nicht das Leben verwehrt, ab wann eine Ansammlung von Zellen lebenswert ist und ob dieses Leben genauso viel Wert ist, wie das der Frau, die es austrägt. Es ist zugegebenermaßen extrem schwer, die Abgrenzung zu machen, ab welchem Zeitpunkt man ein Leben tötet. Für christliche Menschen stellt die Ansammlung von Zellen bereits ein lebenswertes Wesen dar. Rein rechtlich ist das aber wiederum anders. Man könnte diesen Aspekt der Abtreibung also ins bodenlose diskutieren, jedoch stellt sich dann die Frage, wie zielführend das ist und ob man sich nicht irgendwann in den Argumenten verrennt und die eigentliche Problematik aus den Augen verliert. Nämlich das Recht der Frau auf Entscheidungen. Auf Entscheidungen über ihren Körper und über ihr Leben. 

Es muss Gesetze darüber geben, wie eine Abtreibung zu erfolgen hat und unter welchen Voraussetzungen. Ein Baby ab einem gewissen Entwicklungsstadium sollte nicht abgetrieben werden dürfen. Aber Verbotsgesetze, wie solche in Alabama, schaffen keine Lösung, sie verschlimmern vielmehr die Lage. Verbote funktionieren, egal in welchem Bereich, einfach nicht. Und das sollte doch gerade erwachsene Menschen, die Gesetze verabschieden, wissen. 

 

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Autor: mamaaempf

Mama aempf ist ein Mamablog aus Hamburg. Mama Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude.

4 Kommentare zu „#abtreibungistfrauenrecht“

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