Eine Mama ohne Mama und Papa.

geschrieben von Gyde

Sie fehlen mir. Schon immer und überall. Meine Eltern.

Meine Mama starb, als ich 8 Jahre alt war, mein Vater als ich 16 war. Seitdem vermisse ich sie jeden Tag, mal mehr und mal weniger. Trotz einer turbulenten Kindheit habe ich den immensen Verlust mit viel Arbeit und Hilfe annehmen können und würde mich als glücklichen und lebensfrohen Menschen bezeichnen. Die eigenen Eltern sind Wurzeln und Basis, können Vorbilder und Helden sein und egal was passiert, sie werden immer von ihren Kindern geliebt. Und sie lieben ihre Kinder über alles. Diese Liebe fehlt, wenn Mama und Papa nicht mehr leben. Diese bedingungslose Liebe, die uns Menschen durch unser Leben begleitet, fehlt.

Es tut weh, den Abiball, die erste eigene Wohnung, die eigene Hochzeit, die großen Entscheidungen und kleinen Momenten ohne die Eltern zu erleben. Es ist nicht so, dass ich keine Familie habe, ich habe fantastische Geschwister, eine mir sehr nahestehende Schwiegerfamilie, enge Freunde und viele herzliche Menschen, die mich durch die Höhen und Tiefen meines Lebens begleitet haben. Und meinen wunderbaren Mann, der mich schon fast bedingungslos liebt.

Aber Mama und Papa fehlen.

Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man. Ja, irgendwie schon. Ich habe mich daran gewöhnt und habe mein Leben in den letzten Jahren genauso voller Intensität, Liebe, Herausforderungen und Abenteuern gelebt, genossen und verflucht wie andere Junge Wilde in ihren 20er Jahren.

Und dann wurde ich schwanger. Das größte Glück der Welt. Viel Emotionalität. Und eine neue, ganz andere Trauer. Da wächst dein Kind in dir und auf einmal ist diese Lücke wieder gigantisch und nicht ansatzweise ersetzbar.

Mein Mann hörte ständig „Du warst als Baby…“ oder „Die Schwangerschaft mit dir war…“. Mir konnte dies keiner sagen, nur wenige vage Erinnerungen von Familienangehörigen. Wie war wohl die Schwangerschaft mit mir? Wie ging es Mama? Großer Bauch, kleiner Bauch? Gewichtszunahme, Diabetes oder Schwangerschaftsstreifen? Wollten sie wissen, welches Geschlecht ich wohl werden würde? Wie war die Geburt, das Wochenbett, mein erstes Jahr? In Magazinen und Ratgebern liest man immer wieder, dass die eigene Mutter oft während der Schwangerschaft nochmal eine ganz besondere Rolle einnimmt. Dass die besonderen Gedanken und Gefühle vor allem mit der Mama geteilt werden würden.

Es fühlte sich für mich aber irgendwie falsch an, diese Lücke mit anderen tollen und wichtigen Frauen zu füllen. Ich wollte ihren Verlust noch einmal intensiv spüren, glaube ich. In der Schwangerschaft fehlte Mama mehr als Papa. Spätestens mit der Geburt meines zauberhaften Sohnes fehlen beide. Als meine eigenen Eltern, aber auch in einer neuen Funktion: Großeltern. Sie fehlen jetzt doppelt. Sie fehlen mir als Wurzel, als Erinnerung an meine Kindheit und ihre Werte, aber sie fehlen auch als Oma und Opa. Das schlimmste ist aber die Gewissheit, dass meine Eltern niemals mein Kind kennenlernen werden. Nie.

Eine Generation geht weiter, wo eine Generation schon lange vermisst wird.

Und neben der neuen, bedingungslosen und unbegreiflichen Liebe zu meinem Sohn kommen dann diese Ängste: Was ist, wenn auch ich meinen Sohn viel zu früh verlassen muss? Wenn Schicksalsschläge meine kleine Familie ereilen? Mama und Papa vermisse ich jetzt nicht nur aus Sicht des Kindes, sondern ich verstehe auch die Elternperspektive. Wie schmerzhaft ist der der Moment gewesen, als ihnen bewusst wurde, dass sie ihre Kinder nicht aufwachsen sehen werden? Dass ihre geliebten Kinder viel zu früh ohne Eltern ihren Weg gehen müssen. Das Gefühl, die eigenen Kinder alleine zu lassen. Denn in der Mitte vieler lieber Menschen ist man ohne Eltern trotzdem immer ein bisschen allein.

Ich weiß, dass diese Lücke ein Teil meines Lebens ist, dass sie mich zu dem gemacht hat, was ich jetzt bin. Ich musste jetzt aber erkennen, dass sie ganz verschiedene Facetten zeigen kann.

Ich bin so glücklich wie noch nie in meinem Leben und erinnere mich gerne, wenn auch manchmal schmerzhaft an meine Mama und Papa. Manchmal gucke ich meinen Sohn an und sehe, dass sie jetzt ja auch einen Teil von ihm sind. Ich spüre den Stolz und die Liebe meiner Eltern. Ganz fest.

Jetzt versuche ich aber vor allem eine ebenso liebende Mama zu sein, wie meine Mama es war, und meinem Kind den besten Start und ganz viel Sicherheit in dieser unsicheren Welt zu geben.

 

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Autor: mamaaempf

Mama aempf ist ein Mamablog aus Hamburg. Mama Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude.

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