Spielmobile, Spielhäuser und Jugendzentren vom Aussterben bedroht

geschrieben von Katharina

Es ist ein etwas windiger Dienstagnachmittag in einem Stadtteil am Rande von Hamburg. Der feuchtkalte Nieselregen hat endlich aufgehört und die Windböen haben sogar die grauen Wolken, die seit Tagen den Himmel verhängen – eben typisch Hamburg – beiseitegeschoben. Die Sonne scheint und der triste Spielplatz, umringt von Hochhäusern mit mehr als zehn Stockwerken, wirkt plötzlich nicht mehr ganz so trostlos. Neben der leuchtenden Sonne sticht ein knallgelber VW-Bus ins Auge, vor dem bunte Go-Karts stehen. Ein Haufen Kinder drängt sich neben dem Bus um eine kleine Feuerstelle, auf der gerade eine warme Suppe gekocht wird.

„Gib mir den Löffel! Ich bin dran mit Umrühren!“ ruft die zehnjährige Hayet*. „Warte, ich muss erst noch die Nudeln reintun!“ fährt ihr Steven* dazwischen. Steven ist acht Jahre alt und wohnt allein mit seiner Mutter in einem der riesigen Hochhäuser. Stevens Mutter ist alleinerziehend, muss jeden Tag viele Stunden arbeiten, um sich die Miete leisten zu können und wenn sie endlich Zuhause ist, dann greift sie oft zu einer Flasche Schnaps und schläft dann vor dem Fernseher ein. Steven ist froh, dass das gelbe Spielmobil jede Woche – bei Wind und Wetter– auf den kleinen Spielplatz zwischen den Hochhäusern kommt, um dort ihn und die Kinder aus der Nachbarschaft zu besuchen. Oft ist die gemeinsam gekochte Suppe eine der wenigen warmen Mahlzeiten, die er unter der Woche isst. In der Schule schmeckt es nicht und Mama kocht Zuhause eigentlich nie.

Mit den anderen Kindern spielt er Fußball, düst mit den Sozialpädagogen auf den Go-Karts um die Wette oder wird seinen Frust los, wenn seine Mutter mal wieder eine besonders schlimme Woche hatte. Es ist gut, dass einmal die Woche jemand kommt, der ihm bedingungslos zuhört. Das hat früher seine Oma gemacht, aber die lebt jetzt nicht mehr.

Hayet hat dagegen ein sehr liebevolles Zuhause. Hayets Vater kocht jeden Tag frisch und ihre Mutter begleitet sie und ihre Geschwister oft zu der Spielaktion auf den Spielplatz. Dafür hat Hayet Probleme in der Schule. In der kleinen Drei-Zimmer-Wohnung ist es mit ihren vier Geschwistern oft zu laut zum Lernen. Dann bringt sie ihre Hausaufgaben mit auf den Spielplatz runter und die Sozialpädagogin vom Spielmobil hilft ihr.

Für Hayet, Steven und auch für die vielen anderen Kinder, die an sogenannten sozialen Brennpunkten wohnen, ist das Spielmobil total wichtig. Dort verbringen sie ihre Ferien, treffen Freunde, haben mal eine Pause von ihrem oft stressigen Alltag, der nicht immer kindgerecht ist. Am Rande der Stadt, im Spielmobil, sind es Hayet und Steven, doch in ganz Hamburg sind es tausende Kinder und Jugendliche, die in Spielhäusern, Jugendzentren, Mädchentreffs und auf Bauspielplätzen unterwegs sind – sich dort Zuhause fühlen.

Offiziell zweifelt niemand die Bedeutung und Wichtigkeit der offenen Kinder- und Jugendeinrichtungen an, doch Fakt ist, dass die SPD-Regierung unter dem damaligen Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) 2012 den hamburgweiten Etat der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) um 10 Prozent gekürzt hat. Unter den Folgen dieser Kürzung leiden die Einrichtungen noch heute, sieben Jahre später. Ferienprogramme werden gekürzt, da das Geld nicht mehr für ausreichend viele Honorarkräfte reicht. Ferienfahrten müssen ganz ausfallen, wenn kein großzügiger Spender gefunden wird. Teilweise werden Einrichtungen an einigen Tagen in der Woche geschlossen, um Geld zu sparen und dann Wasser und Strom bezahlen zu können. Es wurden auch schon Einrichtungen komplett geschlossen oder ihre Funktion verändert, um im jeweiligen Bezirk mehr Geld für andere Einrichtungen zur Verfügung zu haben.

Damit verändert sich auch die Stimmung unter den Kolleg*innen in den Einrichtungen. Jede*r hat inzwischen Angst davor, dass der eigene Mädchentreff, das eigene Spielhaus oder der eigene Bauspielplatz das nächste Projekt ist, das weggekürzt wird, um andere erhalten zu können. Die SPD-Regierung hat sich öffentlichkeitswirksam für die Kürzung entschuldigt und versucht den Eindruck zu erwecken, seit 2012 der Entwicklung durch kleine Aufstockungen des Etats entgegenzusteuern. Doch tatsächlich wirkt das zusätzliche Geld leider dauerhaft nur wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein.

Lebensmittelkosten, Strom, Heizung, Miete – auch für die sozialen Einrichtungen steigen jährlich die Kosten. Der Mehrbedarf wird knapp gedeckt, trotzdem bleibt die Offene Kinder- und Jugendarbeit chronisch unterfinanziert. Hinzu kommt in vielen Bezirken die wachsende Bevölkerung. Durch den Zuzug aus anderen Bundesländern und durch den Aufbau von dringend notwendigen Wohnunterkünften für geflüchtete Menschen wohnen in vielen Stadtteilen inzwischen mehr Kinder und Jugendliche als noch vor zehn Jahren. Auch diese Bedürfnisse müssen von den Spielmobilen und Jugendzentren der Stadt gedeckt werden – mehr Geld gibt es dafür aber nur in Ausnahmefällen.

Die sich jährlich verschlimmernde Notlage schweißt zusammen. Immerhin. 2018 wurde eine hamburgweite Interessensvertretung für die Offene Kinder- und Jugendarbeit (IVOA) gegründet, über die sich die Sozialpädagog*innen und Erzieher*innen nun solidarisieren, gegenseitig stärke vernetzen und gemeinsam Aktionen planen. Lobbyarbeit ist eben nicht, nur etwas für Automobilkonzerne und Banken. Auch ein Spielmobil braucht Lobbyarbeit, um überleben zu können.

Große Hoffnungen werden unter anderem in den aktuellen Bericht der Enquete Kommission zum Thema Kinderschutz in Hamburg gesteckt. In diesem Bericht empfiehlt die Kommission, bestehend aus Experten, Wissenschaftlern, aber auch Politiker*innen aller Fraktionen, ausdrücklich die Offene Kinder- und Jugendarbeit zu stärken und weiter auszubauen, um einen erfolgreichen Kinderschutz für alle Kinder und Jugendliche in Hamburg gewährleisten zu können. Hoffentlich nicht nur leere Worte.

Hayet und Steven sitzen inzwischen auf einer Klappbank vor dem gelben Spielmobil, in den Händen ein kleines Schälchen mit der dampfenden Suppe. Hayets kleine Schwester kommt angelaufen und quetscht sich zwischen die beiden auf die Bank: „Platz da, ich will dazwischen. Mir ist kalt! Außerdem riecht eure Suppe so lecker.“ Und schwupps hat sie bei Steven schon probiert. Der rümpft kurz die Nase, schüttelt den Kopf, freut sich dann aber doch. Er ist stolz, dass er die Suppe mit Hayet und den anderen Kindern selbst gekocht hat. Gemüse geschnitten, Brühe und Nudeln rein, immer wieder umgerührt und lecker gewürzt. Das lernt er nämlich sonst nirgendwo – weder Zuhause noch in der Schule. Und er weiß für seine acht Jahre schon beängstigend genau, wie wichtig es ist, für sich selbst sorgen zu können.

Von Katharina (Leiterin eines Spielmobils in Hamburg)

* alle Namen wurden geändert

fptbty

Autor: mamaaempf

Mama aempf ist ein Mamablog aus Hamburg. Mama Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude.

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