Erziehung braucht keine Namenskette

Ich stehe in der Küche und putze die Arbeitsplatte. Alma steht hinter mir und putzt mit dem Geschirrtuch den Fußboden. Mir fällt das dreckige Küchenpapier runter – vor Almas Füße. Bevor ich mich bücken kann, um das Tuch aufzuheben, hat Alma es schon in den Fingern und läuft damit Richtung Mülleimer. Ich schaue ihr verdutzt hinterher. Sie macht mit einer Hand den Mülleimer auf, mit der anderen Hand lässt sie das Tuch in den Eimer sinken, klatscht kurz in die Hände, lobt sich selber und kommt wieder zurück zu mir, um mit dem Geschirrtuch weiter zu schruppen. Diese Situation ist beängstigend schön. Ist mein Baby doch jetzt schon so groß, dass sie uns alles nachmachen kann und uns imponieren will. Dort in der Küche, als ich erstaunt mein kleines Mädchen beobachte, fällt mir ein Satz ein, den ich vor kurzem gehört habe: Unsere Kinder wollen uns immer gefallen, auch wenn sie es manchmal nicht zeigen können. Eine Erkenntnis, die mir den einen oder anderen Wutausbruch seitens Alma schon jetzt erleichtert hat. Und solch eine Situation in der Küche zeigt mir, dass wir so, wie wir miteinander umgehen, wohl alles richtig machen.

Ein Gefühl, das genau richtig kommt. Denn besonders momentan fragte ich mich immer wieder: soll ich doch mal so einen Erziehungsratgeber lesen? Sollte ich vielleicht doch ein wenig mehr auf Ratschläge hören oder in manchen Situationen nicht nur meiner Intention trauen? So lange man kein Kind hat, weiß man nämlich immer ganz genau, wie man sein Kind groß bekommt – übrigens wissen das auch alle anderen über dein Kind. Doch in mancher Situation, in der Trotzphase, in den schwierigen Momenten, in denen sich das Kind nicht anziehen lassen will, das Essen das dritte Mal auf den Boden spuckt oder einen Wutausbruch nach dem nächsten bekommt, sind auf einmal alle guten Vorsätze vergessen. Ich ertappe mich das ein oder andere Mal dabei, wie ich zu laut mit Alma spreche, zu schnell gereizt bin, sie, anstatt ihr gut zuzureden, sie wie eine Erwachsene behandle und öfters vergesse, dass ihr kleines Gehirn ganz viele Dinge einfach noch nicht verstehen kann. In solchen Momenten hätte ich gerne eine (kompetente) Super-Nanny an meiner Seite, die uns aus dieser schwierigen Situation befreit.

Dass es die verschiedensten Erziehungsmethoden gibt, wissen wir ja. Wir kommen an diesen wunderbar klingende, gefühlt Millionen Betitelungen vom Umgang unserer Kinder kaum vorbei. Wenn wir das Social Web öffnen, werden wir quasi erschlagen. Erschlagen von Hashtags, die aufzeigen sollen, wie man mit seinem Kind richtig umgeht, Müttern, die Namen gefunden und erfunden haben, um ihren Weg nach außen dazustellen. Begriffe, die ganz klar Likes bringen und uns Leser, besorgte Mütter, verunsichern. Über „Unerzogen“ habe ich schon einmal geschrieben, über „Attachment Parenting“ noch nicht und werde es auch nicht tun, denn mich machen diese Begriffe müde.

Mit Imke von Mutterhelden habe ich mich vor ein paar Wochen getroffen und über Elternsein gesprochen. Imke ist phsychologischer Elterncoach und bietet nicht nur Workshops an, sondern berät in ihrer Praxis auch individuell im Mama-Coaching. Und auch Imke sagte mir, dass nicht alles einen Namen braucht. Denn wir Eltern handeln im besten Fall nach unserer Intention und somit bedürfnisorientiert für Eltern und Kind! Ein ganz wichtiger Punkt, der bei der ganzen Thematik nicht vergessen werden sollte. Wie in meinem Beispiel oben zu erkennen, sind unsere Kinder das, was wir aus ihnen machen. Wenn ich als Mama also entspannt und gelassen bin, kann mein Kind das auch sein.

Imke hat mir viele Fragen mit einer Antwort beantwortet. Sie sagte mir, dass wir, so lange wir mit unseren Kindern auf Augenhöhe agieren, nicht viel falsch machen können. Und damit ist nicht gemeint, keine Grenzen zu setzen, denn Kinder brauchen Grenzen! Damit ist viel mehr gemeint, dass wir versuchen sollten, unsere Kleinen in keine Machtkämpfe zu drängen. Dass wir sie mitentscheiden lassen und ihnen alles erklären – mit dem Hintergedanken, dass sie nicht so handeln können wie wir, da sie noch ganz viel lernen müssen und ihr Gehirn ein Viertel so groß wie das eines Erwachsenen ist. So entsteht ein Miteinander. Dieses miteinander können wir übrigens, bis unsere Kinder 13 Jahre alt sind, formen und somit unsere Beziehung in der Pubertät erleichtern.

Imke zeigte mir also auf, dass ich, so wie ich Alma begegne, wohl alles richtig mache. Auf mein Bauchgefühl zu hören, ist nämlich das Beste, was man bei der Erziehung mit seinem Kind machen kann. So schafft man nicht nur Erziehung, sondern auch Beziehung.

Ich muss mir also manchmal meinen Ton verzeihen und versuchen runter zu kommen, mein Kind noch einmal mehr verstehen und ihr konsequent vorleben, wie man ein guter Mensch wird. Zu sehen, wie sie sich entwickelt und in vielen Dingen eine kleine Kopie von uns wird, ist, wie oben gesagt, erschreckend schön. Unser Spiegelbild, das wir mitformen können. Und das braucht alles, aber keine Namenskette.

Autor: mamaaempf

Mama aempf ist ein Mamablog aus Hamburg. Mama Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude.

2 Kommentare zu „Erziehung braucht keine Namenskette“

  1. Das Bauchgefühl ist auf jeden Fall ein sehr guter Anhaltspunkt. Allerdings ist es durch unsere eigenen Erfahrungen gewachsen und es lohnt sich manchmal schon, auch einen Blick auf anderes zu werfen – so kann man sich noch weiterentwickeln. Gleichzeitig sollte man sich aber auch nicht verunsichern lassen, sondern schon seinen eigenen Weg finden – und dafür braucht es, da stimme ich dir zu, keine Namenskette.

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