Ich zweifele nie daran, ob ich irgendwas als Frau alleine machen kann

Frauen, die bewegen, gibt es viele! Doch zu wenigen hören wir aufmerksam zu. In meiner neuen Kategorie findet ihr regelmäßig Interviews mit unglaublich spannenden Frauen, die alle anders denken, aber eins gemeinsam haben: sie verbessern die Welt. Manchmal nur ihre eigene, manchmal auch unsere.

Annalena ist Bloggerin aus München. Sie ist Herz und Kopf ihres Blogs: nummerfuenfzehn.com. Annalena ist hübsch, schlau und selbstständig. Sie hat etwas gewagt, was die meisten Frauen nicht tun würden. Sie ist ganz alleine in den Nahen Osten gereist – für eine lange Zeit. Aber lest selbst:

Liebe Annalena du begeisterst und bewegst, weil du gereist bist, um deinen Traum zu verwirklichen. Nicht unbedingt etwas, was in unserer Gesellschaft erstaunt, wo viele einfach-mal-abhauen. Viel mehr begeistert, wohin du gereist bist. Du hast eine ganze Zeit in Jordanien verbracht. Besonders in der aktuellen Zeit keine ganz leichte Reise – oder?
Liebe Nina, vielen Dank, dass du mich gefragt hast, ob ich nicht etwas zu meinen Erfahrungen im Nahen Osten erzählen möchte. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, dieses Land und die ganze Region ein bisschen zu entmystifizieren. Zu zeigen, dass da mehr ist, als die Konflikte und Kriege, die die Nachrichten beherrschen.

 

Wie lange warst du unterwegs? Und wo warst du überall?
Alles in allem fast ein ganzes Jahr. Geboren wurde die Idee bei einer sehr spontanen Reise nach Israel und Palästina. Ich stand in Ramallah und wusste plötzlich – das ist es. Hier fühle ich mich zu Hause und hier möchte ich Zeit verbringen und die Sprache lernen.
Ich bin dann ein paar Wochen später mit einem Koffer und einem Rucksack in den Flieger nach Amman, Jordanien gestiegen. Ich habe ganz Jordanien bereist, habe viel Zeit in Israel und vor allem in Palästina verbracht, bin über die Grenze nach Ägypten und in die Emirate geflogen.

 

Wieso hat es dich nach Jordanien verschlagen? Wäre ein Arabisch Sprachkurs nicht einfacher gewesen?
Wäre es einfacher gewesen? Sicherlich.  Hätte es den gleichen Effekt gehabt? In keinem Fall. Schon aus dem einfachen Grund, dass es zwei „arabische Sprachen“ gibt. Das Hocharabisch, das auch in Sprachkursen rund um die Welt unterrichtet wird. Diese Form der arabischen Sprache wird in offiziellen Reden, im Fernsehen, den Nachrichten, Zeitungen und Büchern verwendet. Und es gibt den Dialekt, der sich je nach Land und Region sehr stark unterscheidet – wie Dialekte im Deutschen auch. Diesen Dialekt kann man fast ausschließlich in den jeweiligen Ländern lernen. Und ich wollte unbedingt den Dialekt lernen, denn das ist die Sprache, in der die Menschen auf der Straße miteinander sprechen.
Die Entscheidung für Jordanien war schnell gefallen: Der Dialekt in Jordanien, Palästina, Syrien und dem Libanon ist sehr ähnlich – und das ist die Region, für die ich das größte Interesse habe. Beirut im Libanon gilt als sehr westlich – und ich wollte eine arabische Erfahrung. Ramallah ist leider noch immer militärisch besetzt, das hätte mich vom Sicherheitsaspekt gar nicht gestört – treibt aber leider die Preise für Sprachkurse extrem hoch. Damaskus war aufgrund der aktuellen Situation leider keine Option – und so blieb es Amman. Nie war ich mit einer Entscheidung glücklicher. Ich habe mich vom ersten Moment an zu Hause gefühlt in Jordanien.

 

Wie hast du diese Zeit als Frau im Nahen Osten erlebt? Hast du dich der Kultur angepasst? Wie hast du dich angezogen?
Vielleicht eines vorweg: Ich bin ganz grundsätzlich kein ängstlicher Mensch, ich zweifele nie daran, ob ich irgendwas als Frau alleine machen kann. Das ist wahrscheinlich eine Grundeinstellung, die mir auch in dieser Region sehr weitergeholfen hat. Jordanien gilt als die Schweiz des Nahen und Mittleren Ostens. Das Land ist sehr sicher, vergleichsweise liberal und offen.

Der Kultur angepasst habe ich mich natürlich. Weil ich gerne eine echte Erfahrung machen wollte und in ein fremdes Land eintauchen und in all seiner Bandbreite erleben wollte. Auch ohne, dass ich die Gebetsszeiten selbst aktiv wahrgenommen hätte, haben sie meinen Tag strukturiert – weil sie den Tag der meisten Menschen strukturieren. Meine sicherlich prägendste Erfahrung in diesem Bereich war der Ramadan – ich habe mich dazu entschieden, genau wie die meisten Moslems in Amman von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu fasten. Kein Essen, keine Getränke. Es geht darum den Körper von den weltlichen Gelüsten zu befreien und wieder zu sich selbst und zu Allah zu finden. Selten hatte ich eine so wunderschöne und verbindende Erfahrung. Auf den Straßen werden kurz vor Sonnenuntergang Wasser und Datteln an die Menschen verteilt, die es nicht rechtzeitig zum Fastenbrechen nach Hause schaffen. Nach Sonnenuntergang feiern alle Bewohner der Stadt gemeinsam auf der Straße – es ist ein unglaubliches Gefühl ein Teil davon zu sein.
Meine Kleidung habe ich einfach ein bisschen angepasst. Nicht unbedingt, weil es sein muss – vielmehr aus Respekt vor der Kultur, meinen Mitmenschen und Freunden. Ich habe keine sehr engen Tops getragen, keine freien Schultern und Oberarme gezeigt, keine kurzen Hosen oder Röcke in der Öffentlichkeit getragen. Einen Hijab hatte ich allerdings nur in der Moschee (bei Besichtigungen) und ein Mal in einem sehr konservativen Stadtviertel an.

 

Gab es Momente, in denen du dich unwohl gefühlt hast?
Die Momente, in denen ich mich ein bisschen unwohl gefühlt habe, hätten in Deutschland das gleiche Gefühl ausgelöst. Nachts im Stockdunkeln alleine auf dem Heimweg. Ich musste eine schmale Treppe runter gehen, rechts und links Bäume und kein Licht – ja, da habe ich mich schon beeilt, heim zu kommen. Das würde ich in München aber nicht anders machen.
Nicht ganz frei von einer – in meinen Augen nicht ganz unberechtigten Angst ­– war jeder Grenzübertritt nach Palästina. Ich habe wirklich sehr viel Zeit in Befragungen, Leibesvisitationen und Interviews an den Grenzen verbracht. Das war nicht immer angenehm, manchmal beängstigend, immer demütigend. Ich habe es als Teil der Reisepraxis, als Erfahrung, wahrgenommen. Mit jedem Übertritt dieser Grenzen ist mir mehr bewusst geworden, wie wunderbar es in Europa ist. Wie sehr ich es schätze, keine Binnengrenzen mehr zu haben.

Der einzige Moment, der wirklich unangenehm für mich war, ist eingetreten, als ich mir meinen Fuß gebrochen habe. Ich musste ins Krankenhaus und habe den Arzt und das medizinische Personal zunächst nicht richtig verstanden. Außerdem hatte ich mir keine Vorstellung von den Zuständen in einem Krankenhaus gemacht – ich war schockiert und hatte kurz wirklich Angst, davor unter diesen Bedingungen operiert zu werden. Zum Glück bin ich nochmal mit einem blauen Auge davon gekommen und trotz Trümmerbruch hat ein Gips gereicht. Das Krankenhaus war nicht schmutzig, das Personal war nicht unqualifiziert – es war nur alles sehr alt und unzureichend ausgestattet. Ich bin mir darüber bewusst, dass es Orte und Regionen gibt, in denen die medizinische Versorgung noch sehr viel schlechter ist und ich weiß auch, dass ich aus einer sehr privilegierten Position heraus spreche. Ich hätte das Land jederzeit per Krankentransport (gedeckt und gezahlt von meiner Auslandskrankenversicherung, die ich in jedem Fall empfehle abzuschließen) verlassen können.

Als ich im Rückblick erfahren habe, dass ich in einem der besten (und privaten) Krankenhäuser der Stadt war, hat mich das sehr betroffen gemacht. Durch diese unangenehme Situation und Erfahrung habe ich nicht nur deutsche Krankenhäuser und Hygienestandards noch mal ganz anders schätzen gelernt, sondern auch inzwischen viel Geld für eine bessere medizinische Versorgung in Jordanien gespendet. Wie gut es uns in Deutschland geht, wird einem häufig erst klar, wenn man andere Länder und Gegebenheiten erlebt.

 

Würdest du sagen Jordanien ist gefährlich als alleinreisende Frau?
Nein – überhaupt nicht.
Die Jordanier sind unheimlich freundlich und hilfsbereit. Man darf die offene Art der Menschen nicht falsch verstehen. Nicht jedes Ansprechen ist eine „Anmache“. Man wird natürlich schnell als Ausländer identifiziert und überall mit einem „Achlan phi al Urdun“ – „Willkommen in Jordanien!“ begrüßt – und das ist auch genau so gemeint.

Mit ein wenig gesundem Menschenverstand ist das Reisen in Jordanien weder für Frauen alleine, noch für Paare, Familien, Freundesgruppen oder irgendwen gefährlich.

 

Wie sah dein Alltag dort aus?
Ehrlich gesagt war mein Alltag in Jordanien meinem Alltag in Deutschland gar nicht so unähnlich. Meist bin ich morgens mit dem ersten Ruf zum Gebet vor Sonnenaufgang das erste Mal wach geworden und dann langsam aufgestanden.
Ich starte meinen Tag (fast immer und überall) mit Yoga und einer kleinen Meditation, manchmal einem Workout. Das Laufen auf der Straße war in Amman leider nicht möglich, nicht nur weil ich eine Frau bin, sondern weil es einfach kein Ding ist in Jordanien. Es gibt fast keine Bürgersteige und die Stadt ist auf sieben Hügeln erbaut – steilen Hügeln. Auf der Straße zu Laufen wäre also eher ein konstantes Bergtraining.

Nach Yoga und Workout habe ich neben dem Frühstück meine Mails gemacht, dem Blogpost für den aktuellen Tag den letzten Schliff gegeben, Social Media für den Tag vorbereitet und bin nochmal meine Vokabeln durchgegangen.
Den Großteil des Tages habe ich in der Schule verbracht: Fünf Tage die Woche jeweils fünf Stunden Sprachunterricht sind eine ganz ordentliche Menge. Zwischen den Stunden ein bisschen Quatschen mit neuen Freunden und Mitschülern aus der ganzen Welt, am Nachmittag nach der Schule ein türkischer Kaffee, Hausaufgaben machen, noch ein bisschen arbeiten für den Blog. Am Abend habe ich mich sehr häufig mit Freunden getroffen: Essen gehen ist in Jordanien sehr viel günstiger als in Deutschland und es rentiert sich fast nicht, selbst zu kochen. An den Wochenenden war ich fast immer unterwegs das Land zu erkunden, Wanderungen zu machen, in der Stadt rumzustreunern und Dinge zu entdecken oder bei verschiedenen Volunteer-Projekten zu unterstützen.

 

Was war das schönste Erlebnis?
Das ist schwer zu sagen oder vielmehr: Es ist schwer mich zu entscheiden.
Ein Sonnenaufgang in der Wüste Wadi Rum und die davor unter den Sternen verbrachte Nacht ist sicherlich ganz weit vorne mit dabei. An meinem liebsten Aussichtspunkt über der Stadt jeden Morgen kurz stehen bleiben und die Sonne langsam über den Berg kommen sehen. Das erste Fastenbrechen im Ramadan zusammen mit einer lieben Freundin. Das erste Mal die Nachrichten im Fernsehen verstehen oder ein ganz normales Gespräch auf arabisch führen. Die Besuche meines Freundes und meiner Mama. Den Menschen, die ich liebe die Orte zeigen zu können, die mir so sehr ans Herz gewachsen sind – das war ein sehr schönes Erlebnis.

 

Was ist dein schönstes Mitbringsel?
Auch wenn ich mir einige wenige Dinge mitgebracht habe – ein mit Holzintarsien verziertes Tablett, eine goldfarbene spezielle Kaffeekanne, einen „Palästinenserschal“ und ein paar andere Kleinigkeiten – sind es doch die Erinnerungen, die ich im Herzen trage.

Ich habe durch meine palästinensischen, jordanischen, irakischen und syrischen Freunde die Freiheit in der ich lebe ganz neu erkannt und zu schätzen gelernt. Damit ich die Zeit und das hohe Gut der Freiheit in allen Bereichen nie vergesse, habe ich mir das arabische Wort für Freiheit als Kaligraphie von einem Tattoo Artist in Amman auf meinen Oberarm stechen lassen. Vielleicht ist das das schönste Mitbringsel?

 

Hättest du länger bleiben wollen?
Ja. Wenn ich die (berufliche) Chance hätte, würde ich nach Amman ziehen und für eine ganze Weile fest dort leben.

 

Was ist dein absolutes Lieblingsgericht, was du aus dieser Zeit mitgebracht hast?

Die Jordanische Küche ist – und das war für mich sehr überraschend – sehr schwer. Es wird viel frittiert, es gibt viel Fleisch (hauptsächlich Hammel) und Gefügel.
Bevor ich nach Amman bin, war mein unangefochtenes Lieblingsessen aus der Region ganz ohne Frage Hummus – leider habe ich ein bisschen zu viel davon gegessen, als ich in Jordanien war und aktuell brauche ich davon eine etwas längere Pause.

Ich habe zwei Gerichte, die ich sehr gerne mag: Manaeesh – ein flacher Teigfladen, der im Steifofen gebacken und mit einer Paste aus Olivenöl und Zatar bestrichen wird. Zatar ist eine Gewürzmischung in der verschiedene getrocknete Kräuter, unter anderem viel Thymian, enthalten ist. Und Knafee – ein Nachtisch. Es klingt zunächst ein bisschen wirr: Ein Käse der Halloumi ein bisschen ähnlich ist wird bedeckt mit einer Art ganz feinen Nudeln, dann wird die Mischung mit viel Sirup übergossen, es kommen reichlich Pistazien darüber und alles kommt in den Ofen. Dann schmilzt der Käse und man hat den großartigsten Nachtisch der Welt.

Würdest du alles wieder genauso machen?
Fast alles, ja. Ich würde wirklich nur Kleinigkeiten ändern, zB habe ich zu Beginn in einer vollkommen überteuerten Wohnung gewohnt.

 

Was hast du aus der Erfahrung gelernt – außer der arabischen Sprache?
Es war nicht mein erster langer Auslandsaufenthalt, während des Studiums habe ich einmal für ein Jahr in Portugal gelebt, aber in meinen Augen wächst man mit jedem „Ausbruch aus der eigenen Komfortzone“. Wenn man in einer fremden Stadt, in einer ungewohnten Kultur mit einer Sprache, die man zu Beginn nicht einmal lesen geschweige denn verstehen kann, wach wird, dann ist das eine Herausforderung. Eine Aufgabe, die einem die eigene Stärke (und auch die Schwächen) vor Augen führt.

Ich habe nochmal viel über mich gelernt, habe herausgefunden, was für mich wichtig ist (die Menschen, die ich liebe) und worauf ich vnicht erzichten kann (regelmäßig und verlässlich fließendes Wasser).
Ich habe Menschen getroffen, Freunde gefunden und Erfahrungen machen dürfen, die mein Leben nachhaltig verändert, beeinflusst und verbessert haben. Ich habe nicht nur eine (tatsächlich nicht ganz einfache) Sprache gelernt, ich habe mich selbst daran erinnert, was ich alles schaffen kann. Ich bin mir meiner privilegierten Situation als Europäerin einmal mehr bewusst geworden und weiß sie jetzt ganz anders zu schätzen. Dieses Jahr in Jordanien hat mich wieder mehr zu dem zurück geführt, was ich eigentlich immer machen wollte: Meine Position zu nutzen um Menschen zu helfen, die in eine weniger glückliche Situation und Lage hereingeboren wurden als ich. Ich hatte noch nie Hunger, nie Angst, die Nacht nicht zu überleben, ich weiß nicht, was es bedeutet, alles zu verlieren, ein Leben hinter sich zu lassen und zu fliehen. Aber ich habe jetzt Freunde, die genau das erlebt haben. Menschen, die alles verloren haben und in einem anderen Land darum kämpfen sich wieder etwas aufzubauen. Als ich in einem der größten Flüchtlingslager im Norden Jordaniens war und dort mit eigenen Augen das Leid der Menschen gesehen habe, ist mir ein Zitat von Willi Graf, einem Mitglied der Weißen Rose eingefallen „Jeder Einzelne trägt die ganze Verantwortung.“ Auch wenn Willi Graf sich mit dieser Aussage auf die Niederschlagung des Nazi Regimes bezogen hat, hat es mir doch vor Augen gerufen, dass jeder von uns eine Verantwortung für andere Menschen trägt. Seitdem setze ich mich – noch stärker als zuvor – für die Geflüchteten in Jordanien, aber auch in Deutschland, ein.

 

 

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Autor: mamaaempf

Mama aempf ist ein Mamablog aus Hamburg. Mama Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude.

2 Kommentare zu „Ich zweifele nie daran, ob ich irgendwas als Frau alleine machen kann“

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