Gewalt unter der Geburt – Jede Frau hat das Recht ihre Geschichte zu erzählen

Bis vor kurzem wusste ich gar nicht, dass es Gewalt im Kreißsaal überhaupt gibt. Ich habe mich gefragt, was Gewalt bedeuten soll und ein wenig dumm behauptet, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass Frauen unter der Geburt gewalttätig behandelt werden.

Ich schreibe „bis vor kurzem“, denn nachdem mir das Thema immer wieder über den Weg gelaufen ist, ich Fetzen aufschnappte und ihr mir immer öfters von euren Geburtserlebnissen erzählt habt, habe ich mich hingesetzt, mich informiert und über dieses so wichtige Thema nachgedacht. Und dabei herausgekommen ist ein großes Mitgefühl, leise Tränen und ein Fragezeichen, das ich versuche mit Aussagen zu füllen. Denn Fakt ist: Gewalt unter der Geburt ist keine Fantasie. Gewalt unter der Geburt findet tagtäglich statt.

Doch was bedeutet eigentlich Gewalt unter der Geburt? Eine schwierige Frage, die auch ihr mir gestellt habt. Denn wann steht es einer Frau zu, dem Krankenhaus, der Hebamme oder der Ärztin Gewalt vorzuwerfen?

Dabei kann (muss aber nicht) zwischen psychischer und physischer Gewalt unterschieden werden. Bedeutet: Festhalten, festschnallen der Beine, keine freie Wahl der Geburtsposition, grobe Behandlung, willkürliche Dammschnitte, Kaiserschnitte ohne medizinische Notwendigkeit, heftiges mitdrücken gegen den Bauch, Zwang unter Wehen still zu liegen oder auch das offensive Schlagen zählen dazu. Aber genauso: Anschreien, verbale Gewalt, Beschimpfungen, Diskriminierung, alleine lassen, Angehörige den Raum verweisen (wenn nicht unbedingt notwendig), Nötigung…

Strukturelle Gewalt ist ein weiterer Punkt, der aber weniger an einer Einzelperson hängt.

Eine Antwort, die weitreichend ist, aber von mir trotzdem nicht für ausreichend empfunden wird. Denn abgesehen von den oben aufgezählten Punkten sollte jede Frau das Recht haben, frei entscheiden zu können, wann Gewalt anfängt. Daher ist eine Richtlinie „wann Gewalt Gewalt ist“ schwer zu definieren. Und doch sollten die oben genannten Stichpunkte für eine Nachbesprechung, eine Gegenüberstellung von Patientin und Krankenhaus beachtet werden.

Ich habe eine Hebamme gesucht, die ich mit den Vorwürfen vieler Frauen und der allgemeinen Problematik konfrontieren kann. Und habe eine gefunden. Maire-Lucie Förster ist Hebamme und hat viele Geburten miterlebt.  Mir beantwortet sie zu dem schwierigen Thema Gewalt unter der Geburt einige Fragen:

Marie, ist dir als Hebamme bewusst, dass viele Frauen unter einem traumatischen Geburtserlebnis leiden?
Dieses Thema ist super wichtig und wird leider viel zu oft unter den Teppich gekehrt. Ich kenne diese Problematik und musste selber schon oft miterleben, wie Frauen von bestimmten Ärzten, Hebammen schlecht und gewalttätig behandelt wurden. In meiner Anfangszeit als Schülerin hatte ich oft mit Tränen zu kämpfen. Nun bin ich froh, dass ich selber entscheiden darf, wie ich mit einer Situation umgehe. Denn das persönliche Abwegen, was in der Situation besser wäre, ist nicht unbedingt üblich. Es gibt viele Hebammen, die anders handeln würden, nur um schneller mit der Geburt fertig zu werden. Diese Art der Geburtshilfe möchte ich niemals ausüben! Und egal ob Arzt oder Hebamme – egal ob Stresssituation oder Ruhephase, derjenige, der so handelt, ist falsch in dem Beruf der Geburtshilfe.
Passiert es denn häufig, dass unter der Geburt gewalttätig gehandelt wird?
Eindeutig ja! Ich denke, dass der Hauptgrund die Zeit ist. Ich würde sagen jede dritte Frau, die schon mal geboren hat (meist die Erstgebärenden) können von Gewalt unter der Geburt oder im Wochenbett berichten.
Würdest du sagen, dass man die Frauen vor der Geburt schützen kann?
Ich glaube schon. Natürlich darf man keiner Frau vor der Geburt Angst machen. Aber ich denke, dass man schon in der Geburtsvorbereitung darüber sprechen kann und den Frauen einprägt, dass es nur richtig sein kann, wenn die Frauen auf sich und ihr Bauchgefühl hören. Denn keiner weiß besser als die Schwangere, wie es ihr und dem Kind geht. Daher ist der richtige Weg, die Frauen zu ermutigen, Fragen zu stellen und sich durchzusetzen. Den Männern kann man vor der Geburt eintrichtern, dass sie eingreifen können und sich für die Frau einsetzen müssen und dürfen.
Damit will ich sagen, dass Kommunikation der Schlüssel zu einer besseren Geburtshilfe sein kann. Ich frage eine Frau – egal was ich mache – immer davor, ob ich sie berühren darf und erkläre ihr den Vorgang.
Wie soll eine Frau damit umgehen, wenn sie Gewalt unter der Geburt erlebt hat?
Jede Frau hat das Recht ihre Geschichte zu erzählen und dem Krankenhaus (Personalleitung, Geschäftsführung) einen Brief zu schreiben oder rechtlich dagegen anzugehen. Sonst wird sich leider nichts ändern.
Schwierig ist es dennoch, Konsequenzen einzuführen, da der Fachkraftmangel ein Arbeitsverbot quasi unmöglich macht.
Ist es denn eher Gewalt, die von Ärzten kommt oder von Hebammen?
Eindeutig von beiden. Interventionen, die nicht angekündigt werden oder das mitdrücken auf dem Bauch eher von Ärzten. Aber als Hebamme muss ich mich für die Frau einsetzen – ich bin so zu sagen der Anwalt für Mutter und Kind. Also ist es meine Aufgabe den Arzt zu fragen: ist das wirklich nötig? Wenn ich den Arzt einfach weitermachen lasse, bin ich als Hebamme genauso schuldig.

Vor ein paar Tagen habe ich euch anlässig des Roses Revolutionsday, der eingeführt worden ist, um traumatisierten Frauen Platz zum gemeinsamen Verarbeiten zu geben, gefragt, ob ihr Gewalt unter der Geburt erlebt habt.

 

Mich haben viele Geschichten erreicht, einige von diesen möchte ich hier mit euch teilen.

 

Meine Frage an euch war: Habt ihr Gewalt unter der Geburt erlebt?

 

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Ich bausche dieses Thema auf, weil ich finde, dass viel mehr darüber gesprochen werden muss. Natürlich ist der Grad zwischen Aufklärung und Angst machen klein, trotzdem sollte man sich davon nicht beeinflussen lassen, denn nicht-darüber-sprechen, es-vergessen-wollen ist immer schlechter, als sich ein Ventil-zu-suchen, versuchen-etwas-zu-ändern und irgendwann-Frieden-zu-finden.

 

Ich hoffe sehr, dass ich einen winzigen Beitrag dazu leisten kann und hoffe, dass dieses Thema mehr Aufmerksamkeit erreicht und somit endlich etwas an dem Zeit- und Personalmangel in der Geburtshilfe geändert wird. Dies würde vieles entschärfen und dazu führen, dass Hebammen und Ärzte schneller der Arbeit verwiesen werden können.

 

Autor: mamaaempf

Mama aempf ist ein Mamablog aus Hamburg. Mama Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude.

3 Kommentare zu „Gewalt unter der Geburt – Jede Frau hat das Recht ihre Geschichte zu erzählen“

  1. Danke für den Beitrag, Nina. Mein erster Impuls war auch auf „Nein“ zu drücken bei deiner Umfrage, denn viel zu schnell verdrängt man das alles. Und ja, was ist Gewalt und was notwendig für die Geburt?
    Nach einem Jahr kann ich das besser reflektieren und muss so auch „Ja“ sagen, leider. Mir wurde nach dem ersten CTG (die Herztöne fielen leicht ab bei jeder Wehe) ein Kaiserschnitt von der Hebamme nahegelegt. Die Ärztin sah es Gott sei Dank anders. Trotzdem hat die Ankündigung gereicht, um einen Wehenstopp zu provozieren. Nach dem Schichtwechsel war das Personal besser, aber massives auf dem Bauch Drücken und einen unnötigen Schnitt habe ich auch kassiert, dessen Naht ich heute immer noch spüre.

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    1. So geht es mir leider auch Marie mir wurde es vorher auch nich erklärt. 😦 die Ärztin Kletterte einfach über mich drüber und drückte und Quetschte an mir rum. Dann fragte die Ärztin ob sie meinen Damm Durch schneiden dürfte es ist aber nicht notwendig es wäre nur einfacher sagte die Ärztin zu mir. Meine Antwort war ein klar und deutliches nein darauf wurde einfach nicht gehört bei der nächsten Wehe Schnitt due Ärztin mir einfach den Damm! Als mein Sohn kam riss der Schnitt bis zum Anus auf und noch zusätzlich hatte ich 2 risse also insgesamt 3 risse mit 3 Grad. Die Geburt ist jetzt 2 Jahre und 6 Tage her. Aber ich merke bis heute noch die risse und die Narbe stellen weise reißt mir eine Naht sogar noch nen kleines stück auf und das alle paar wochen. 😦 Weder Hebamme noch Ärztin hatte nach der Geburt da drüber gesprochen mit mir. Im Gegenteil kurz nach der geburt kam die Ärztin und sagte nur einma bitte Beine öffnen damit wir dann nähen können Stillschweigend hat sie genäht als fertig war sagte sie so fertig herzlichen Glückwunsch zur Geburt ich lass ihnen und dem kleinen nun ein wenig Ruhe und Zeit zum kennenlernen. Schön is anders ich konnte bis heute das ganze nich richtig auf arbeiten drüber geredet mit meiner Mama und Schwester sowie Lebensgefährte hab ich aber auf gearbeitet is das nicht für mich.
      Lieben Gruß

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