Miteinander Wachsen

geschrieben von Hörby

Als ich klein war, dachte ich, meine Eltern, Verwandte und alle anderen Erwachsenen wären allwissend. Nur die ganz Alten, die vergaßen schon wieder langsam einiges. Soweit, so gut, das war einleuchtend. Doch was ich in den kommenden 20 Jahren an Schule, Uni und auf Reisen so gelernt hatte, wirkte für mich nicht wie das, was ich an Handwerkszeug benötige, um einem potenziellen Kind ein Vorbild, ein Erzieher, eine Autoritätsperson zu sein, oder ihm in einer Diskussion auch nur die Stirn zu bieten.

Als wir dann schwanger waren, kam die Panik. Während meine Freunde mich löcherten, ob ich schon mal Windeln gewechselt habe oder ob ich mir Sorgen mache, wie ich die Nabelschnur durchschneide, machte ich mir Gedanken darüber, was ist, wenn unser Wurm mich über Einsteins Relativitätstheorie ausfragt. Ich dachte ja, wir Eltern müssten alles wissen…

Eine kleine, herzliche Anekdote aus unserem nicht-immer-beliebten Nahverkehr hat mir Mut gemacht. Es war mal wieder Hamburger Schietwetter angesagt und ich war gezwungen, den Bus zu nehmen. Der war natürlich voll-bis-Oberkante und ich stand vorne, zwischen den beiden 4er- Sitzgruppen mit Musik im Ohr. Die Musik, aus den Kopfhörern überdeckten das Gespräch der jungen, dreiköpfigen Familie vor mir. Den Gesprächseinstieg habe ich somit leider verpasst. Vielleicht gab es jedoch auch gar keinen. Das erste was ich hörte, als ich meine Kopfhörer absetzte, war: „Duuu, Mama… Wann habe ich denn das nächste Mal Geburtstag?“ Der Junge war schätzungsweise fünf Jahre und kurz vorm Start in die Grundschule. Die Mutter entgegnete mit: „Du hattest doch gerade erst. Das dauert nun wieder etwas. Geburtstag hat man schließlich nur einmal im Jahr.“ Der Junge (während der Vater stillschweigend wartet, welchen Verlauf das Gespräch nimmt): „hmm… stimmt. Aber woher wusstest du denn überhaupt, dass ich Geburtstag habe?“ Die Mama grinsend: „Na ganz einfach, ich habe dich an diesem Tag auf die Welt gebracht.“ Einleuchtend. Für alle Beteiligten. Denn mir fiel auf, dass ich nicht der einzige Zuhörer war. Einige Fahrgäste neben mir lächelten und grinsten auch schon vor sich hin. „Ja aber jeder Tag fühlt sich gleich an und an einem habe ich dann auf einmal Geburtstag… das verstehe ich einfach nicht“, brach es dem Jungen heraus. Die Mama fing an zu stottern „Ja, das stimmt, aber dafür haben wir ja den Kalender…“ – „und wer hat sich den ausgedacht?“

Ja, da guckte nicht nur die Mutter und all die Zuhörer blöd, sondern auch ich, der bald Vater wird. Wo meine bessere Hälfte doch hochschwanger zu Hause sitzt und ich mir nun ausmale, wie ich – genau auf diesem Platz – einen ähnlichen Dialog in etwa 5 Jahren zu meistern habe.

„Der wurde sich ausgedacht, als man festgestellt hat, dass zum Beispiel die Jahreszeiten in relativ ähnlichen Abständen wiederkehren.“ Nicht schlecht, dachte ich mir und erwiderte den Blick der Mutter mit einem respektvollen Nicken. Gut pariert.

Nun war der Junge aber nicht mehr zu halten. Es sprudelte nur so aus ihm heraus. „Ja aber wer und wann und wieso und wie…“ er geriet regelrecht in einen Wahn und man hatte das Gefühl, die Welt, die er vorher nur in schwarz-weiß gesehen hat, war nun in Farbe ausgemalt.

Seine Mutter konterte, meisterte die heikle Situation super und zeigte mir nochmal mehr, dass man sich auf seine Elternrolle vorzubereiten hat. Und so hatte ich ein Thema, was ich mir zu Hause erst nochmal zu Gemüte ziehen würde (neudeutsch: googeln) bevor ich Papa werde, um dann – irgendwann – ebenso gute Antworten geben zu können. Die Mutter klopfte ihrem Jungen – nachdem gefühlt der halbe Bus zum Denken angeregt worden war – auf die Schulter und versprach ihm, dass sie ihm den Rest erklären würde, wenn er älter ist. Wahrscheinlich so alt, dass sie zu mindestens selber Zeit hat in Ruhe zu googeln. Das würde reichen.

Für mich, der gerne immer auf alles eine Antwort hat, hat die Szene im Bus verdeutlicht, dass ich mir nicht immer so einen Kopf machen muss. Ich brauche nicht alles zu wissen, nicht alles zu können. Ich muss meinem Kind nur einen Schritt voraus sein. Nun verstehe ich auch immer mehr, warum meine Eltern und jeder Haushalt, an den ich mich erinnern kann, mindestens einen Tausendzweihundersiebenundfünfzig-teiligen Brockhaus-Band im Regal stehen hatte (die du heute auf Flohmärkten hinterhergeworfen bekommst) … denn auch als Google noch nicht der beste Freund aller Eltern war, wollten die Kinder Antworten auf ihre Fragen haben.

Autor: mamaaempf

Mama aempf ist ein Mamablog aus Hamburg. Mama Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude.

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