Worte an Dich

Geschrieben von Lena Keller (@threeisagang)

Der 10. August, ein Tag der unsere Geschichte veränderte und zu dieser ganz besonderen machte.

Morgens schon spürte ich, dass mein Bauch immer wieder hart wurde. Er fühlte sich anders an als sonst und ich schrieb meiner Mama, ob sie sich erinnern könnte, wie sich bei ihr damals die vorzeitigen Wehen angefühlt hatten. Sie konnte sich nicht mehr genau erinnern, aber sagte mir, ich solle mir heute Ruhe gönnen und einfach mal im Bett oder auf der Couch bleiben. 

Heutzutage greift man schnell zum Handy, wirft Suchbegriffe in die Google Suchleiste und erhält tausende von Antworten. Eigentlich bin ich nicht der Typ, der alles direkt googelt und doch interessierte mich, ob andere Schwangere eventuell über ähnliche Symptome berichteten. 

Die Sätze der Mamis trafen mich, sie erzählten von muttermundwirksamen Wehen, von verkürzten Gebärmutterhälsen und Frühgeburten. 

Mein Gefühl, dass dieser immer wieder hart werdende Bauch Wehen sein könnten, verstärkte sich und doch versuchte ich ruhig zu bleiben. Leni, sagte ich mir,  jetzt bloß nicht in Panik geraten!

Gegen 20 Uhr kam mein Mann nach Hause, ich erzählte ihm von meinem immer wieder hart werdenden Bauch und meinte, ich würde gerne ins Krankenhaus. Tatsächlich packte ich instinktiv Schlafsachen, Zahnbürste & Waschzeug ein. Dachte an mein Aufladekabel und ein Buch. Mit meinen Händen, schützend auf meinem kleinen Babybauch, fuhren wir ins Krankenhaus. 

Die Hebamme, die mich aufnahm, war toll, strich mir über die Schulter und sagte, ich solle es mir im Kreißsaal auf dem Bett gemütlich machen, sie würde mich jetzt ans Tokogramm anschließen, damit wir eine Wehentätigkeit ausschließen können. Um das Herzchen des Babys über das Kardiogramm mitlaufen zu lassen, war ich in der 20 SSW noch zu früh dran. 

Es ist meine erste Schwangerschaft und noch nie lag ich an einem Tokogramm, doch mein Gefühl und auch das, was ich sah, täuschte mich nicht. Die kleinen regelmäßigen Hügel waren für mich ganz eindeutig als Kontraktionen zu identifizieren und ich fing an zu weinen. Sagte zu meinem Mann: „Dass ist zu früh, dass ist viel zu früh. Das Pünktchen ist noch viel zu klein. Was ist wenn es jetzt kommt?“ In meinem Kopf herrschte Chaos, blanke Angst und Panik, dass ich mein Pünktchen, meine große Liebe verliere. 

Immer wieder streichelte ich meinen kleinen Bauch zwischen den Kabeln, versuchte ruhig zu atmen, positive Gedanken in den Bauch zu schicken und leise zu dem Pünktchen zu sprechen. „Ich liebe dich“, habe ich in dieser halben Stunde am Tokogramm so oft gesagt und gedacht. Die kleinen Bewegungen, die ich spürte beruhigten mich und ich schöpfte Kraft aus ihnen.

Mit den Worten: „Oh, da sind ja ein paar Wehen zusehen“, begrüßte mich eine blonde Ärztin mit Brille. Sie stellte sich vor und sagte, sie würde mich gleich untersuchen und nach dem Muttermund, dem Gebärmutterhals und dem Baby schauen. Ob ich Schmerzen oder Blutungen hätte? Ich verneinte und folgte ihr in den Raum, in dem sie mich untersuchen wollte.
Die Ergebnisse waren gut, alles so wie es sein soll und doch müsste ich bleiben und vorerst Bettruhe halten. 

In dieser Nacht, alleine in diesem Krankenhauszimmer habe ich viel geweint, den Bauch gestreichelt, mit unserem Pünktchen geredet und bin irgendwann in einen erschöpften Schlaf gefallen. 

Die erste Woche im Krankenhaus verging und die Wehen blieben. Zur Toilette durfte ich gehen, aber Waschen, Zähneputzen, essen, das alles durfte ich nur im Bett. Bekam durch das liegen einen Drehschwindel, weil sich die Kristalle in meinem Innenohr gelöst hatten, übergab mich mehrfach und brauchte nun auch noch Hilfe, um zur Toilette zu kommen. Die zweite Woche verging und die Wehen blieben. In meinem Kopf rechnete ich die Wochen durch, die Wochen bis zur 27. SSW, die Wochen bis zur 38 SSW… Wir waren doch gerade erst in der 20 SSW und es war alles so ewig weit entfernt.

Es gab Momente, in denen ich in meiner Angst feststeckte, ich wollte niemanden sehen und hören und wollte keinen Besuch. Nur mein Mann durfte kommen, denn ich wollte Ruhe und am liebsten die Tage verschlafen. In dieser Zeit ließ ich mir Zettel und Stifte geben und fing an zu schreiben. Schrieb viele Worte an Dich, an mein ungeborenes Kind.  

Heute habe ich dich auf dem Ultraschall turnen sehen und dein Herzchen hat ganz fein gepocht. Sie sagen, dir geht es gut und das erfüllt mein Herz mit Glück. Oh Pünktchen, ich versuche so sehr auf UNS zu vertrauen. Wenn mich die Ängste wieder überrollen, summe ich dir Lieder vor und stelle mir vor, wie wir dazu im Dezember durch unser Wohnzimmer tanzen. Wie ich staunend deine kleinen Händchen und Füße betrachte, dein Gesichtlein küsse und deinen Duft für immer abspeicher. Wenn ich über meinen Bauch, der dein Zuhause ist, streiche, ist er fest und hart. Die Kontraktionen spüre und sehe ich, sie tun nicht weh, aber sie machen Angst, denn sie könnten alles verändern. Die Ärzte sind nett und doch sehe ich ihre Blicke und weiß, was sie denken „die zwei sind zu früh dran, wenn was passiert, können wir nichts tun“. Aber du und ich, wir kämpfen und unsere Geschichte wird weiter gehen, mein Bauch wird groß und rund und die Zeit wird kommen, in der auch du kommen darfst. 

Ende August durfte ich nach Hause, mit Wehen ! 1x die Woche musste ich zu meiner Gynäkologin. Toco, Untersuchungen, Ultraschall. Diese Tage sind anstrengend, sitzen und gehen bin ich ja fast nicht mehr gewöhnt – da mein Tagesablauf aus liegen, liegen, liegen besteht.

Ich schrieb weiter, die Bücher füllten sich und jede weitere Woche: ein Meilenstein. 

Wir feierten jeden Wochenwechel, jeden Zentimeter und jedes zugenommene Gramm. 

Diese Schwangerschaft mit dir, so ein Geschenk. Unsere ganz besondere Geschichte, sie geht weiter und ich bin einfach nur dankbar und glücklich!

Meine App sagt 15 Wochen bis zum errechneten Termin.

Oh du Herz, bleib die 15 Wochen noch schön in unserer Zauberkugel. Bleib schön behütet in meinem Bauch und genieß meine Hände, die sich schützend über dich legen. Lausche den Worten, die ich dir zuflüstere. Genieß, so wie ich, die kleinen Badezimmertänze zu meiner Lieblingsmusik, die ich mir erlaube. Hoffentlich spürst du die Gedanken, die ich dir schicke und die Liebe, die meinen ganzen Körper erfüllt. Pünktchen! Dieser Name, du wirst ihn gewiss oft zu hören bekommen und ihn bestimmt auch oft mal richtig blöd finden. Aber für mich bedeutet er das größte und unglaublichste Geschenk, was dein Papa und ich uns machen konnten. Er bedeutet bedingungslose Liebe. So viele Ängste und Sorgen, so viel Neues, so viele Abenteuer, so viel Wunder und so viel Dankbarkeit. 

Die Ängste sind mal mehr, mal weniger stark. Ein Prozess, ein wachsen an mir selbst. Ein vertrauen lernen, ein akzeptieren, dass auch schlechte Tage okay sind. Ein Wochen zählen und sich freuen. Stolz empfinden und Dankbarkeit für meinen Mann, meine Eltern und Freundschaften. 

Heute sitze ich in der Sonne im Garten, es ist Ende September und es ist nach ein paar kühlen Tagen nochmal unglaublich warm geworden. Wir liegen nun unglaubliche 8 Wochen. 8 Wochen die dich haben größer und stärker werden lassen und uns immer näher an den Dezember bringen. Du Wunder. 

Es ist unglaublich, wie unsere Geschichte mich verändert hat. Welche Kräfte ich entwickelt habe. Wie ich mir selbst die Angst nehmen kann, wenn sie über mich schwappen will, wie eine große Welle. Diese Schwangerschaft, die von Menschen als traurig und schade angesehen wird und für mich einfach nur unglaublich und der absolute Wahnsinn ist. Warum glauben Menschen, dass ich traurig bin oder es besonders schlimm empfinde, zu liegen? Dass was schlimm ist, ist die Angst es könnte was passieren. Aber das Liegen ist es nicht. Denn ich erlebe alles intensiv, habe Zeit und Ruhe. Genieße die Tritte im Bauch, die von Woche zu Woche stärker werden. Habe den Moment mitbekommen, wo das Pünktchen sich gedreht haben muss. Erlebe so viele Schluckauf-Momente und genieße die Liebe, die einfach immer weiter wächst. 

Wer entscheidet denn schon, was Glück ist, was normal, was schön oder nicht schön ist?
Wir haben diese Geschichte und sie ist nicht weniger schön – oder weniger Wert – als all die anderen Schwangerschaften. Ich bin unendlich dankbar für diese, genauso wie sie ist. Mit all ihren Höhen und Tiefen. Ich weiß, wer ich bin, habe mich nochmal neu kennengelernt. Mich mit mir auseinander gesetzt, all die Wochen, die ich liege, Dinge über mich und auch über andere Menschen gelernt. Menschen, die mir nicht gut tun und von denen ich mich immer mehr distanzieren werde und dafür andere nochmal neu zu schätzen gelernt. Ich habe angenommen und akzeptiert und bin ganz schön stolz auf mich und meinen Körper. Stolz darauf, was er leistet und ich liebe ihn für das, was er mir im Dezember schenken wird. All die Jahre habe ich ihm zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, mich im Spiegel oftmals angeschaut und mich einfach nicht leiden können. Aber jetzt bin ich dankbar. Dankbar für meinen Körper. Dankbar für meinen Kopf, der mich so positiv denken lässt. Dieser Weg, er sollte so sein. Für mich und für uns. 

Mein Kind, du bist für mich so viel Licht und Liebe. 

Du bist für mich Leben und Glück. Durch dich erfahre ich meine größten Ängste und besiege sie mit Willen und positiven Gedanken. Du gibst mir so viel Kraft – ich vertraue. Ich vertraue dir, dass du noch lange ihn mir wohnen magst. Es ist nicht mehr lang. 8 Wochen trennen uns, 8 Wochen, die ich dich noch in meinem Bauch tragen möchte, meine Hände schützend auf meinen Bauch legen möchte und spüren möchte, wie du kräftiger wirst und weiter wächst.

Ich bin dankbar, voller Glück und Vorfreude. 

Ich liebe dich, deine Mama

 

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Autor: mamaaempf

Mama aempf ist ein Mamablog aus Hamburg. Mama Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude.

2 Kommentare zu „Worte an Dich“

  1. Liebe Leni, ich wünschte du wärst in deiner ersten Schwangerschaft umschauender betreut worden. Vorzeitige Wehen müssen beängstigend wirken, das kann ich mir vorstellen und es war auch richtig, damit im KH vorstellig zu werden. Als Gynäkologin kann ich dir aber sagen, frühzeitige Wehen sind nur dann bedenklich, wenn sie Muttermundwirksam werden. Wenn sich der Gebärmutterhals stark verkürzt und der Muttermund beginnt aufzugehen. Auch das ist nicht das Ende der Fahnenstange, auch dann gibt es immer noch viele Möglichkeiten das kleine Leben zu schützen. Alles in allem bist du aber mit einem kleinen Schrecken davon gekommen und ich kann nicht verstehen, warum die Kollegen deine Ängste so geschürt haben. Für mich liest sich kein Anlass zur Bettruhe und du hättest dir sicher viele Sorgen ersparen können, wenn man dir versichert hätte, wie unbedenklich diese Wehen für euch beide waren. Leider schürt dieser Beitrag nur die Angst weiterer junger Mädchen, die sich nur noch wenig zutrauen. Der weibliche Körper schafft viel und ich hoffe du kannst den Rest deiner Schwangerschaft nun auch außerhalb deines Bettes genießen.

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    1. Hallo liebe Marie,
      wir hatten Höhen und Tiefen, einen verkürzten Gebärmutterhals innerhalb der vielen Wochen und tolle Ärzte und eine liebevolle Hebamme die mich noch immer betreut. Angst möchte ich hier keinem machen, sondern Mut und Hoffnung geben und einen kleinen Teil meiner Geschichte erzählen. Der weibliche Körper ist toll und jede Schwangerschaft egal wie sie verläuft, ein Geschenk.

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