Wir lassen uns davon ja wohl nicht die Laune vermiesen!

Frauen, die bewegen, gibt es viele! Doch zu wenigen hören wir aufmerksam zu. In meiner neuen Kategorie findet ihr regelmäßig Interviews mit unglaublich spannenden Frauen, die alle anders denken, aber eins gemeinsam haben: sie verbessern die Welt. Manchmal nur ihre eigene, manchmal auch unsere. 

Kim wohnt zurzeit mit ihrer Familie in London. Dort ist sie hingezogen, weil sie es wollte. Bewundernswert achtsam und voller Energie erzählt sie uns heute, wie sie ihr Leben jeden Tag bewegt und sich eine Welt schafft, in der Selbstliebe oberste Priorität hat. Wir können einiges von ihr lernen!

Kim, vom Ruhrpott nach London. Erzähl uns davon!

Wir sind Anfang 2018 mit unseren 2 Kindern (Leonie ist drei Jahre alt, Edda war zu dem Zeitpunkt noch keine eins) und unserem Hund nach London gezogen und sind unserem Herzen und unserer Intuition gefolgt. Noch lange bevor wir Kinder und Hund hatten, sind mein Mann Basti und ich ständig nach London gereist. Als alle anderen Urlaub am Strand oder im Schnee machten, liefen wir glückselig durch London, meist mehrmals im Jahr. Was uns besonders gefiel war, glaube ich das Gefühl, welches wir beide immer hatten, wenn wir hier waren. Das Multikulturelle und das Kreative in London gefiel uns und dennoch hatten wir hier nie das Gefühl in einer solch riesigen Stadt zu leben.

Das Ganze reifte über Jahre hinweg, wir visualisierten, sparten und planten viel. Dann kam der Brexit. Ganz anders, als man es vielleicht erwarten würde, schreckte es uns nicht ab – ganz im Gegenteil, wir sagten uns: Jetzt machen wir es erst recht! Das Ganze war dann eigentlich recht simpel: Basti kündigte seinen Job, die Freunde und Familie bekamen einen großen Schock und Basti flog nach London zwecks Wohnungssuche und Ortswahl. Ich packte derzeit mit den Kindern Kartons, suchte online nach Wohnungen, telefonierte ständig mit Basti um ihn mental zu unterstützen. Das war nötig, denn es lagen uns viele Steine im Weg und so vergingen einige Wochen. Niemals zuvor wurde mein Vertrauen darauf, dass sich für uns alles fügt, so sehr auf die Probe gestellt wie in diesen Wochen, aber es zahlte sich aus.

Es ging dann Anfang 2018 nach London, wir hatten kurzfristig ein Haus gemietet (ein Geschenk des Universums) und begannen direkt mit unserer Selbständigkeit. Zurückblickend muss ich sagen, dass es uns nicht allzu schwer fiel Lünen zu verlassen, weil wir beide einfach so randvoll mit Vorfreude waren. Es gab Momente, die waren schwer, zum Beispiel Leonies Verabschiedung im Kindergarten. Oder der Morgen unserer Abreise, an dem Freunde und Familie in der Einfahrt standen, um uns noch einmal zu drücken – doch dann wollten wir los und der Motor sprang nicht an. Da mussten alle mit Tränen in den Augen lachen.

 

 Dort, wo die Eltern sind, ist Zuhause

 

Wie kann man sich eine Auswanderung mit zwei kleinen Kindern vorstellen?

Die Auswanderung mit unseren zwei kleinen Kindern war eher entspannt, was bestimmt an dem Alter liegt: beide waren bzw. sind noch sehr jung. Edda mussten wir gar nichts erklären, sie bekam das alles noch nicht so mit. Leonie hatte noch gute Erinnerungen an den letzten London-Aufenthalt und freute sich. Und zum anderen lag es auch viel daran, dass Basti und ich sehr entspannt waren. Das übertrug sich enorm auf die Kinder. Vor Ort war es dann ein paar Tage ziemlich chaotisch, alles musste ausgepackt werden. Abends arbeiteten wir an unserer Selbständigkeit und tagsüber begann ich direkt, so etwas wie einen normalen Alltag mit den Mädels aufzubauen: wir besuchten Spielgruppen, waren viel im Park und knüpften Kontakte mit anderen Müttern und Kindern. Das ging hier wirklich sehr schnell. Familie und Freunde kamen uns auch in sehr regelmäßigen Abständen besuchen, das erleichterte uns den Start. Heimweh hat keiner von uns, es sind eher die kleinen Dinge, die wir vermissen, wie z.B. bei Geburtstagen nicht da sein zu können. Ach ja: und Brot. Die Engländer können wirklich kein Brot backen!

Die Mädels haben die Auswanderung super mitgemacht. Für Leo war der Start in der Vorschule ziemlich schwer, da sie die Sprache noch nicht beherrschte. Sie brauchte gute drei Monate, um sich dort wohl zu fühlen. Mittlerweile geht sie sehr gern hin und hat Freunde gefunden, mit denen sie sich auf Englisch unterhält. Ein Zuhause ist es für sie hier unseretwegen. Dort, wo die Eltern sind, ist Zuhause in diesem Alter, denke ich.

 

Jetzt kann der Dieb sich was Schönes kaufen

 

Mir ist eine Story von dir in Erinnerung geblieben, in der du erzählst, dass dein Portmonee auf dem Markt geklaut worden ist. Du hast es sehr gelassen genommen und erzählt, dass ihr – du und deine Tochter – euch darüber freut, dass der Dieb jetzt wenigstens euer Geld hat. Eine verrückte Denkweise, die aber, wenn ich das von außen betrachte, dass Leben um einiges einfacher machen kann. Kannst du etwas zu deiner Art zu denken sagen? 

Ja, das ist eine Sache, die ich mir antrainiert habe und die ich meinen Kindern und Basti beibringe, weil sie das Leben so viel schöner und leichter macht: Wenn etwas passiert, was uns ärgert oder schadet, wir es jedoch nicht mehr ändern können, so erlaube ich es mir nicht, mich unnötig lange damit zu beschäftigen. Geschweige denn mir meine Laune oder sogar den ganzen Tag vermiesen zu lassen. Was macht es für einen Sinn, wenn wir die Situation eh nicht mehr ändern können? Die schlechte Laune kommt erst mal, gar keine Frage – niemand lässt sich, wie in meinem Fall auf dem Markt, gern beklauen. Was ich aber mittlerweile gut beherrsche ist, dass solch ein Umstand sich nicht lange negativ auf mich auswirkt. Dazu entschließe ich mich bewusst, ich verbiete mir jegliche negativen Gedanken sobald sie aufkreuzen und entscheide mich für das Gegenteil. Ich fühle mich natürlich nicht sofort wieder himmelhochjauchzend, aber das kommt dann schon irgendwann. Immer erst die Gedanken – die Gefühle folgen dann schon. Wie sehr ich das meinen Kindern vorlebe, war mir bis dato gar nicht bewusst. Leonie sagte jedoch nach dem Diebstahl: „Ach Mama, ist doch egal, jetzt kann der Dieb sich was Schönes kaufen von unserem Geld, wir lassen uns davon ja wohl nicht die Laune vermiesen.“ Das fand ich genial.

 

Findet Wut denn bei euch statt? Wie gehen deine Kinder mit Wut um?

Wut ist, genau wie Freude oder Trauer, eine Emotion, die gelebt werden will und findet natürlich auch bei uns statt. Unsere Kinder, genau wie wir, dürfen wütend sein und dieses Gefühl auch ausdrücke. Jedoch wird hier ganz klar untersagt andere zu verletzen – z.B. die Schwester zu hauen.

Ins Kissen boxen, auf den Boden werfen (sehr beliebt bei Edda im Moment), mal laut schreien oder auch mal eine Tür knallen sind gute Alternativen und funktionieren hier ganz wunderbar. Basti ärgerte sich vor Kurzem über etwas ganz fürchterlich und haute mit der Faust auf den Küchentisch. Edda machte verblüfft „OH“ und imitierte ihn mit ihrem kleinen Fäustchen. Wir mussten alle augenblicklich losprusten, seitdem ist das hier eine Art Running-Gag. Wenn einer anfängt sich zu ärgern, so haut ein anderer auf den Küchentisch und ruft „OH“.

 

Würdest du dich als spirituellen Menschen bezeichnen?

Ich liebe diese Frage. Ja, das würde ich definitiv. Spiritualität bedeutet für mich, mich mit mir selbst, mit meinen Gedanken und Gefühlen, mit meinem „Spirit“ = Geist auseinanderzusetzen und mich mit allem, was da ist, verbunden zu fühlen. Sich immer wieder mit seinem Glauben (an die Liebe, ans Universum, an Gott – da gibt es unzählige Definitionen, das muss jeder für sich benennen) zu verbinden und durch sein Inneres heraus sein Äußeres zu erschaffen, das bedeutet für mich einen spirituellen Weg zu gehen und dies tue ich seit längerer Zeit. Das Ziel von Spiritualität ist für mich, wirklich bei mir selbst anzukommen und eine erfüllte Beziehung zu mir selbst aufzubauen.

 

 Nach außen wirkt dein Leben sehr beruhigend. Als würdet ihr euch genug Zeit zu atmen nehmen. Ist es wirklich so?

Wir haben solche und solche Tage. Mal sind sie super entspannt und mal turbulent und chaotisch. Zeit als Familie zu verbringen ist uns sehr wichtig, ebenso ist es aber auch sehr wichtig für mich und Basti, dass jeder Zeit für sich und seine Interessen hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass es sich für alle positiv auswirkt, wenn in einer Familie keiner zu kurz kommt. Dazu gehört es dann auch, dass die Kinder mal alleine mit Basti in den Park gehen und ich zwei Stunden Yoga mache. Gerade mit Kleinkindern ist es manchmal echt schwierig, Zeit für sich zu finden. Ich glaube, dass ich tatsächlich in meiner Mitte angekommen bin, das war aber keinesfalls schon immer so, ganz im Gegenteil. Das Ganze würde ich als einen Prozess beschreiben, den ich irgendwann begonnen habe und in dem ich mich immer noch befinde, was sehr spannend ist.

 

Findest du denn, dass es ein Ankommen gibt?

Ich glaube fest, dass man „Ankommen“ nur im Inneren kann. Es hat rein gar nichts damit zu tun, was du im Außen besitzt. Egal ob beziehungstechnisch oder materiell, daran kann man ein „Ankommen“ nicht binden. Was wäre, wenn die Beziehung den Bach heruntergeht? Oder man sein Haus/Traumjob etc. verlieren würde? Wäre dann auch das „Angekommen sein“ vorbei? Wenn man mit sich selbst voll und ganz im Reinen ist und sich aufrichtig liebt, so ist man in meinen Augen angekommen. Dann ist es egal, was um dich herum passiert. Man kann also angekommen sein, auch wenn es im Außen z.B. nicht optimal läuft. Es ist quasi unabhängig von Allem und, so glaube ich, das größte Glück, was man im Leben erfahren kann.

 

Dein Leben, deine Spielwiese

 

Ich interviewe dich, weil ich denke, dass du eine Mama bist, die mit ihrer Stimme bewegen kann. Was würdest du anderen Frauen raten, wenn sie sich „nicht finden“?

Den besten Rat, den ich in dem Fall geben kann ist der, den Druck raus zu nehmen. Viele Menschen sind gehemmt oder fühlen sich irgendwie „falsch“, weil sie sich 1. selbst enorm unter Druck setzen und 2. sich von anderen Menschen enorm unter Druck setzen lassen.

Dadurch ist man irgendwann wie versteinert und weiß nicht mehr wohin mit sich und seinem Leben. Also Druck raus. Du musst gar nichts und du musst schon mal gar nicht das, was andere sagen du müsstest. Dein Leben, deine Spielwiese. So einfach und simpel das klingt, so einfach und simpel ist es letzten Endes auch: Vergiss alle „wenn und abers“ mal für einen kurzen Moment und frage dich, was du wirklich für dich und dein Leben willst. Die allermeisten Menschen können so unfassbar mehr sein und erreichen, als sie sich nur vorstellen können. Am Ende steht da immer die Angst vor irgendetwas. Und diese Angst ist in den allermeisten Fällen unbegründet. Wird man sich darüber erst einmal bewusst und gestattet sich, mal groß zu denken, so öffnen sich ganz neue Dimensionen. Und dann braucht man nur noch loszugehen. Schritt für Schritt.

Kim findet ihr auf Instagram unter @love_bori

 

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Autor: mamaaempf

Mama aempf ist ein Mamablog aus Hamburg. Mama Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude.

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