Etwas, das dir keiner über das Wochenbett sagt

Geschrieben von Pauline Gottschalk-Pollara

Ich erinnere mich noch daran, als wäre es gestern, dass ich meine große Schwester im 9. Monat fragte, was eigentlich das „Wochenbett“ sei. An ihre Antwort erinnere ich mich allerdings nicht mal im Geringsten, so nichtssagend war diese. Da ich leider auf das, was nach der Geburt folgte, nicht im Mindesten vorbereitet war, will ich es für euch festhalten. Damit ihr wisst, was euch eines Tages vielleicht einmal erwartet. Wenn es euch so geht wie mir.

Ich kam nach den ersten paar Tagen in der Klinik nachhause und dachte, mein Leben geht jetzt wieder los. Klar habe ich jetzt ein Baby und das ist alles anstrengend und so, immerhin hatte ich ja meinen Neffen so intensiv mit großgezogen, dass ich wusste, worauf ich mich da einlasse. Ich habe schon vor der Schwangerschaft viel Sport getrieben, also nahm ich an, ich könnte jetzt wieder joggen gehen und z.B. alles kochen, was ich liebe, ohne dass mir von den Gerüchen übel wird. Joggen? Kochen? Dachte ich.

Ich kam in den Genuss einer, liebevoll genannt, „schweren Geburt“. Das heißt: Saugglocke, Dammschnitt, Plazentaausschabung, hoher Blutverlust. Es steht tatsächlich das Wort „Geburtsstillstand“ in meinem Mutterpass.
Noch vor der Geburt lästerte ich über Frauen, die tatsächlich in der kompletten Zeit im Krankenhaus nicht rausgehen. Drei bis fünf Tage lang. Ich würde bestimmt am selben Tag schon draußen eine Runde drehen. Ich muss fast lachen, während ich das schreibe. Ich konnte tatsächlich erst drei Wochen nach der Geburt wieder hoch in unsere Wohnung im dritten Stock laufen, ohne dafür ungelogen 15 Minuten zu brauchen. Der hohe Blutverlust sorgte dafür, dass mein Kreislauf bis zum Ende der Stillzeit im Keller war. Sport habe ich erst nach neun Wochen wieder gemacht und nach sieben Monaten habe ich mich dabei wieder einigermaßen gefühlt wie früher. Aber auch nur einigermaßen.

Der Dammschnitt bereitete mir glücklicherweise keine so großen Probleme wie anderen Frauen. Aber das Gefühl einer Dammnaht ist nie schön und lässt sich ungefähr mit Tackernadeln vergleichen. Als hätte man eine ganze Reihe Tackernadeln an der angenehmsten Stelle des menschlichen Körpers sitzen. Viel schlimmer und traumatischer war die Ausschabung der Plazenta. Die löst sich leider nicht gezwungenermaßen von selbst von der Gebärmutter, sondern muss dann operativ entfernt werden. Da ich eine PDA hatte und bereits betäubt war, fand das Ganze ohne Narkose, sprich bei vollem Bewusstsein, statt. Ich erspare euch die Details, wie eine solche Plazentaausschabung aussieht. Stellt es euch einfach als den entwürdigendsten Moment im Leben einer Frau vor. Obendrauf musste der ganze Spaß sechs Wochen nach der Geburt noch einmal wiederholt werden. Dieses Mal zum Glück unter Narkose. Allerdings inmitten des hormonellen Chaos einer frischgebackenen Mama, die immernoch die traumatische Geburt ihres Kindes zu verarbeiten versucht.

Als meine Nachsorge-Hebamme das erste Mal zu Besuch kam, am zweiten Tag nachdem wir aus der Klinik nachhause kamen, hatten wir geplant, mal zum dm-Drogeriemarkt zu gehen und ein bisschen einzukaufen. Der Blick meiner Hebamme, als sie das erfuhr, sagte alles, und sie erlaubte mir, maximal zehn Minuten raus zu gehen und eine Runde um den Block zu drehen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Aber sie hatte Recht. Als ich zwei Wochen nach der Geburt das erste Mal spazieren ging, musste ich mich fast alle 200 m auf eine Parkbank setzen, weil ich Sternchen sah. Kreislauf adé!

Vom Stillen möchte ich gar nicht anfangen. Das klappte bei uns relativ schnell relativ gut. Aber auch das ist, wie ich heute weiß, alles andere als selbstverständlich. Davon können euch alle Mütter ein Lied singen, wenn ihr sie nur fragt. Und das sagt einem vorher auch keiner.

Das Anstrengendste nach der Geburt ist, dass du selbst eine Patientin bist, die versorgt werden muss. Du bist nicht nur überfordert mit den Hormonen, dem Stillen, dem Schlafentzug, deinem Baby und obendrein noch dem ganzen Besuch, der wochenlang bei euch hineinschneit. Nein, zwischen all dem, musst du dich um deine Dammnaht, deine Brustwarzen, deine Nachblutungen usw. kümmern. Nur als ein kleines Beispiel: Ich sollte zwei Mal am Tag fünf Minuten meinen Bauch massieren und mich danach zwanzig Minuten auf den Bauch legen. Allein diese 50 Minuten Ruhe zu finden, war eine Herausforderung.

Am Anfang der Schwangerschaft unterhielt ich mich mit meiner großen Schwester über meine ersten Schwangerschafts-Wehwehchen, und sie sagte nur: „Pauline, da kommt noch so viel auf dich zu, das will ich dir gar nicht erzählen. Sonst macht man das nie wieder!“ Heute weiß ich, was sie damit gemeint hat. Sie muss vom Wochenbett gesprochen haben.

IMG_8385.JPG

Auf Instagram findet ihr Pauline unter @paulibelle

Autor: mamaaempf

Mama aempf ist ein Mamablog aus Hamburg. Mama Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude.

2 Kommentare zu „Etwas, das dir keiner über das Wochenbett sagt“

  1. Hallo Nina,
    Ich habe zwar nicht vor demnächst Mama zu werden, trotzdem fand ich deinen Beitrag zum Wochenbett sehr interessant und ausführlich erklärt. Mit dem ganzen Thema setze ich mich gerne auseinander, da ich bestimmt irgendwann auch in dieser Situation sein werde und man nie „genug“ wissen kann. Gerne mehr solcher Real-Talk Beiträge. 🙂
    Liebe Grüsse,
    Sarah Marie von http://www.xoxsarahmariex.com

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s