Unerzogen nervt!

Trends gibt es immer mal wieder, das ist nichts Neues. Ich gehe auch gerne mal den einen oder anderen mit. Doch finde ich nicht gleich alle anderen Menschen auf unserem Erdball, die diesen nicht mitgehen, scheiße. Ein neuer Modetrend, wie ein Jeansschnitt ist außerdem nicht unbedingt damit zu vergleichen, wie wir unsere Kinder erziehen – hoffentlich sehe nicht nur ich das so. Denn leider kommt es mir gerade fast so vor: Mode- oder Reisetrends sind etwas für Kinderlose. Sobald der Storch angeklopft hat, wird darüber gelesen und philosophiert, wie man doch die Brut aufzieht. Sobald die Mutter geworfen hat, werden alle neumodischen „Erziehungs“-modelle als Hashtag bei Instagram gesucht, um sich eine Base an Trendbegleitern aufzubauen: Die Antierziehung als Nonplusultra, das Kinder-sich-selbst-überlassen als Standard. Wo soll das hinführen? Überall liest und hört man von Eltern, die es für richtig halten ihr Kind (Achtung O-Ton) lieber zu lieben anstatt zu erziehen. Abgesehen davon, dass diese Aussage keinen Sinn ergibt, mache ich mir um so mehr darüber Sorgen, wie unverschämt diese Eltern sich gegenüber denen verhalten, die ihrem Kind auch das Wort „Nein“ beibringen und somit lieber „erziehen statt lieben“. Auch wenn es mich müde macht darüber zu diskutieren, muss ich mir heute Luft machen. Liebe Möchtegern-Übermuttis: „#beziehungstatterziehung“ – ich kann es nicht mehr hören!

Tom sitzt vor dem Fernseher. Er sitzt dort seit acht Stunden. Tom ist zwei Jahre alt. Seine Mutter Lisa findet es in Ordnung. Tom soll so lange vor dem Fernseher sitzen, wie er möchte, denn Tom erzieht sich selber. Komisch nur, dass wir das Sorgerecht unserer Kinder nicht gleich ihnen selber überlassen können, wenn Säuglinge, Babys und besonders Kinder in der Pubertät sich selber erziehen könnten, wäre das doch eine Maßnahme, liebes Deutschland? (Nur mal so am Rande: ich wäre sicherlich nicht mehr am Leben, wenn ich auf mich selber hätte aufpassen sollen.)

Natürlich ist nicht jeder so drastisch, viel mehr Mütter verwechseln einfach ihre Aufgabe, ihre Kinder bedürfnisorientiert aufwachsen zulassen mit dem Modewort „Erziehungslos“. Und doch haben diese beiden Dinge weniger als nichts miteinander zu tun. Denn eine bedürfnisorientierte Erziehung sollte (meiner Meinung nach) instinktiv passieren. Jede Mutter, die im Normalfall das Beste für ihr Kind möchte, kann auf ihren Bauch, die Bedürfnisse ihres Kindes und ihren klaren Menschenverstand hören und so ihr Kind zu dem bestmöglichesten werden lassen.

Wenn man #beziehungstatterziehung sucht, findet man auf Instagram knapp 10.000 Beiträge. Diese stehen meistens in Verbindung mit #gefühlsstarkenkindern, #attachmentparenting #unerzogenleben… doch was soll das eigentlich alles bedeuten?

Man kann diese Unerzogen-Revolution mit wenigen Worten erklären: diese Kinder werden von ihren Eltern dazu gedrängt, sich früh selber zu behaupten und Entscheidungen selber zu treffen. Natürlich müssen die Kinder dann auch mit den Konsequenten leben – oder nicht? Bedeutet: Ein Kleinkind, dass sich beim Essen mit Tomatensoße bekippt, muss so lange mit der Tomatensoße herumlaufen, bis es anfängt zu stinken oder es lernt, sich mit einem Jahr alleine zu duschen? Ich frage mich immer öfters: wie soll das der Entwicklung eines Kindes helfen, wenn es von uns Eltern im Stich gelassen wird? Kinder müssen lernen, verstehen und in erster Linie gesagt und gezeigt bekommen, wie das Leben funktioniert. Ein Kind muss nicht durch Erfahrung lernen.

Außerdem fehlt mir oft der Zusammenhang. Attachment Parenting zum Beispiel finde ich eine tolle Sache und muss (nachdem ich mich für diesen Text informiert habe) sagen, dass ich genauso meiner Tochter begegne und doch hat diese bedürfnisorientierte Beziehung nichts damit zu tun, dass Alma keine Regeln kennenlernt. Meinem Kind Nähe zu schenken, bei ihr zu sein, wenn es mich braucht, auf ihr Schreien zu reagieren und es sich – begrenzt – ausprobieren zu lassen, ist für mich selbstverständlich. Meine Tochter erfährt seit Tag eins diese Liebe von mir und lernt trotzdem was „Nein“ bedeutet – denn, um das kurz aus dem Weg zu räumen: Nein zu sagen, ist keine Form von Gewalt (wie gerne von der Unerzogen-Fraktion formuliert).

Ihr lest heraus, wie sehr ich mich gegen dieses Modell wehre und doch muss und werde ich es akzeptieren, denn egal wie bescheuert ich es finde, wenn man sich sein Leben und das seiner Kinder so schwer macht, bin ich mir sicher, dass keiner dieser Eltern bewusst gegen das Wohlergehen seiner Kinder handelt. Ganz im Gegenteil! Diese Eltern gehen sogar soweit, den Wunsch nach Anerkennung und der Liebe ihrer Kinder mit Begriffen zu verdeutlichen. Diese Eltern bezeichnen sich selber als „liebendere“, fürsorglichere und verantwortungsbewusstere Eltern als all die, die ihre Kinder erziehen wollen. Und nur allein das ist mein Problem an der Sache. Jedem das seine! Jeder entscheidet für seine Familie und doch ist keinem das Recht zugeteilt, sich öffentlich als besserer Mensch oder Elternteil zu verkaufen. Denn eins ist sicher: Erziehen heißt nicht weniger Beziehung oder weniger Liebe zu seinem Kind.  Alle Mamas, die daran zweifeln, ob sie es richtig machen: Lasst euch gesagt sein, ihr macht das toll – egal was andere sagen!

Autor: mamaaempf

Mama aempf ist ein Mamablog aus Hamburg. Mama Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude.

8 Kommentare zu „Unerzogen nervt!“

  1. Leider ist mein langer Kommentar nicht abgeschickt worden aber ich Feier dich so dermaßen. Dennoch kann ich es nicht so chillig sehen wenn ich so eine „Unerziehung“ mitbekomme sondern ich bekomme tlw. echt sorgen. Sorgen um die neue Generation.

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  2. Das spricht mir so aus der Seele! Die Selbtsgerechtigkeit dieser Unerzogen-Fraktion geht mir unglaublich auf den Wecker. Ich halte es für Blödsinn, dass Erziehung per se Gewalt ist. Und wenn ich immer wieder erlebe, wie agressiv und beleidigend die Unerzogen-Verfechter und Attachment Parenting-Anhänger in Diskussionen häufig auftreten, kann ich über den angebliichen Gewaltfrei-Ansatz nur müde lächeln. Und bei Kritik an der Methode ist die regelmäßige Antwort, man hätte die Methode nicht verstanden.

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