Geburtsbericht – Teil 2

17 Uhr. Schichtwechsel. Ein junges Mädchen, Caro, stellte sich vor und sagte mir, dass sie nun die Hebamme ist, die mich betreuen wird. Ich hörte ihr kaum zu und sagte ihr, dass ich ein Schmerzmittel will und danach eine PDA, sie sollte das nur schon mal auf dem Schirm haben, damit es später nicht zu spät sei eine zu legen. Caro verdrehte die Augen und sagte mir mit ihrem Blick ich sollte mich nicht so anstellen, die Einleitung wäre ja erst vor einer Stunde gelegt worden – ich Weichei. Nachdem sie sich dann aber den Wehenschreiber angeschaut hat, ist sie kommentarlos aus dem Raum verschwunden und kam mit einem Schmerzmittel zurück. Diese Einleitung knallte bei mir sowas von rein, ich glaube, das hat der Kreißsaal selten erlebt. Caro war zurück, das erste Schmerzmittel wurde mir in die Pobacke gespritzt und nach fünfzehn Minuten warten – war nichts. Das Mittel wirkte null Komma null und ich kämpfte weiter für mich alleine. Caro erbarmte sich dann aber doch zu schauen, wie weit der Muttermund auf ist. Er war bei zwei Zentimetern – also ein Witz. Kurze Info am Rande: Eine PDA wird nur in dem Zwischenraum 4-6cm Muttermundöffnung gelegt, daher darf man den Moment nicht verpassen. Caro bot mir an, eine Badewanne zu nehmen, die würde die Schmerzen lindern. Will die mich verarschen? Was soll ich denn jetzt im Wasser? – dachte ich mir. Naja ich stimmte zu, ich wollte einfach nur, dass mich keiner volltextet. Hörby saß die ganze Zeit ruhig neben mir und hielt meine Hand und den Kotzbeutel (den ich immer Mal wieder brauchte). War mir Recht so. Nur reden und streicheln waren verboten.

Ich lag immer noch im Vorwehenzimmer, das sollte sich aber jetzt ändern. Also ab in den Kreißsaal – zu Fuß. Gestützt von der Hebamme und Hörby versuchte ich es und habe es dann auch nach einigen Unterbrechungen geschafft und mich sofort aufs Kreißsaalbett geschmissen. Badewanne? Nie im Leben! Für mich war klar: Das waren die letzten Meter, die ich bei dieser Geburt laufen werde. Und ab diesem Zeitpunkt ging es dann auch eigentlich bergab. Meine Wehen wurden immer heftiger. Alle 30 Sekunden eine Wehe. Dann waren die Pausen ganz weg. Und die Wehe hörte nicht mehr auf.

Ich dachte immer, dass man sich ja wohl ein wenig zusammenreißen kann. Laut rumschreien und komplett die Kontrolle verlieren wäre ja sehr extrem. Ach Nina, halt die Klappe! Mir war alles so was von egal. Ich war laut und es war das Einzige, was mir in diesem Moment geholfen hat. Ich habe nichts mehr mitbekommen. Der Kreißsaal war wohl voll mit Leuten und Hörby erklärte mir später, dass er sich zu diesem Zeitpunkt echt Sorgen gemacht hat. Ich war nicht mehr wirklich ansprechbar und da ich keine Zeit hatte, ruhig zu atmen, war ich irgendwann nur noch in Trance.

Endlich wurde wieder der Muttermund gecheckt und – ihr glaubt es nicht – mein Tampon gezogen! Das war wirklich bis jetzt in mir und gab Vollgas – Muttermund bei 4 cm. PDA: go!

Der Anästhesist kam und legte sofort los. Ich bekam einen Wehenstopper und wurde von einer Hebamme fixiert. Ob es Caro war? Keine Ahnung! Achso, die Zeit? Auch keine Ahnung. Ich schätze, wir hatten 19 Uhr. Die PDA saß und es ging los… Medikamente wurde mir gespritzt und ich veratmete einfach nur diese eine große riesige Wehe. Meine Gedanken waren einfach nur bei der Erlösung, die gleich durch die PDA einsetzen wird.

Ach, das wäre doch viel zu langweilig. Denn nach einer halben Stunde warten, war wirklich alles taub nur mein Unterleib nicht. Heißt: Die PDA wurde falsch gesetzt. Ich konnte meine Beine und Füße nicht mehr bewegen, spürte jede Wehe aber noch so wie vor dreißig Minuten. Jetzt war der Punkt erreicht: Ich konnte nicht mehr!

Eigentlich war es aber völlig Wurst, ob es mir gut geht. Unsere Sonne war der Grund, weswegen ich das hier durchstand und wir erinnern uns: Weil ihre Herztöne auffällig waren, wurde eingeleitet. Daher wurde ihre Sauerstoffzufuhr gemessen. Dafür wird den Kindern noch im Bauch Blut durch die Kopfhaut abgenommen. Zu diesem Zeitpunkt war der Wert ok. Aber viel Zeit blieb uns nicht mehr. Es wurde entschieden, dass ich eine zweite PDA bekomme und zwar von einem anderen Anästhesisten.

Und was soll ich sagen, ab diesem Zeitpunkt war alles gut. Die Medikamente wirkten nach wenigen Minuten, ich konnte seit Stunden das erste Mal wieder atmen und ich merkte erst jetzt, wie gestresst und besorgt alle um mich herum waren.

Wir hatten 21 Uhr und ich war schmerzfrei. Zwar auch gelähmt, aber schmerzfrei. Die Oberärztin erklärte mir, dass ich mich jetzt ausruhen soll. In ca. vier Stunden würden die Presswehen losgehen und dafür brauche ich Kraft. Ich nickte und fragte Caro, ob ich was zu essen bekommen könnte. Gefrühstückt hatte ich genau zwölf Stunden zuvor und mein Kreislauf war komplett im Eimer. Sie holte mir ein Käsebrötchen. Total erschöpft, aber auch entspannt, lag ich auf dem Kreißsaalbett und biss in mein Brötchen. Hörby versuchte mich mit irgendeiner Story zu bespaßen und ich genoss es einfach in Ruhe atmen zu können.

Zehn Minuten später. Ich spürte auf einmal einen sehr eigenartigen Druck zwischen meinen Beinen. Ich sagte es Hörby, der mich nicht ernst genommen hat. Bis er aufs CTG schaute und sah, dass das Signal von Almas Herztönen verschwunden war. Er drückte panisch den Rufknopf und die Ärztin kam herein, untersuchte mich und stellte fest, dass der Kopf so gut wie da ist.  Sie nahm nochmal Blut ab und erklärte mir, dass es zwar so schnell nicht geplant sei, ich jetzt aber pressen muss. Mein Kind kommt. Jetzt!

Ich hatte noch das halbe Brötchen im Mund, schluckte es schnell runter und sagte: „Ok.“ Bei jedem Druck den ich spürte, sollte ich alles geben. Und mein Kind aus mir herausschieben. Die Ärztin sagte mir, dass es nun sehr schnell gehen muss. Da die Herztöne unseres Babys nicht gut aussehen. Sie faselte etwas von Notkaiserschnitt und Saugglocke, die sie nun ansetzen wird. Und dann merkte ich den Druck und… presste.

Ich erschrak, als plötzlich mehrere Stimmen im Kreißsaal schrien: „Stooooopp! Nicht so doll. Der Kopf ist da.“ Das geht so einfach? Ich habe doch gerade erst losgelegt. Und nach weiteren zwei Mal pressen, hörte ich es platschen. Und mein Bauch wurde ganz nass. Ein Schrei schoss durch den Kreissaal und ich blickte herunter. Auf meinem Bauch lag unsere kleine Alma. Ganz sauber, ohne Käseschmiere, ohne Blut. Sie lag da auf meinem Bauch und streckte die Arme nach oben. Ich griff sie mir und zog sie zu mir hoch. Ich konnte es nicht glauben. Das ging alles auf einmal so schnell. Das ist mein Kind? Ich rief es immer wieder durch den Kreißsaal, schaute Hörby an, der total aufgelöst neben mir stand. Unser Kind auf meiner Brust. Es schrie und war gesund. Das größte Geschenk, was ich in meinem Leben erleben darf.

Sie wurde auf meinem Bauch untersucht und uns nicht weggenommen. Wir durften zu dritt über zwei Stunden im Kreißsaal bleiben und unsere ersten Momente erleben. Es war wunderschön!

Und soll ich euch was sagen: Nicht nur die letzten beiden Stunden waren wunderschön. Nein. Unsere Geburt war ein wunderschönes Erlebnis. Mit etwas Abstand kann ich sagen, ich bin zu 100% im Reinen mit dem Geschehenen und froh, dass alles so gelaufen ist, wie erwartet. Klar hätte das mit der ersten PDA nicht sein müssen. Die Einleitung hätte auch langsamer gehen können, meine Wehen nicht so heftig sein müssen. Die Saugglocke (die nur angesetzt und nicht benutzt wurde) hätte in einem Film wahrscheinlich nicht als Requisite gedient. Aber am Ende zählen die Momente, die bleiben. An die man sich erinnert. Die Momente, die diesen Tag, dieses Erlebnis ausmachen.

Ich finde, wir haben das zu dritt toll gemeistert. Wir haben unsere Tochter – Alma – auf die Welt gebracht und das in nur sechs Stunden Geburt. Sechs Stunden für ein neues Leben. Sechs Stunden, die Hörbys und mein Leben komplett verändert haben.

Autor: mamaaempf

Mama aempf ist ein Mamablog aus Hamburg. Mama Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude.

4 Kommentare zu „Geburtsbericht – Teil 2“

  1. Liebe Nina.
    Ich bin mit meinem ersten Kind schwanger und kann nachts kaum schlafen. Entweder finde ich keine gute Position, der kleine Bauchbewohner feiert eine Party, oder einer der Hunde schnarcht. Daher habe ich heute Nacht deinen Bericht gelesen. Als es zum „Finale „kam liefen mir die Tränen. Vor Erleichterung, Rührung und Vorfreude. Das hast du toll geschrieben und Danke fürs Teilen. Ich kann es kaum erwarten, auch bald unseren kleinen Wassermann kennen zu lernen.
    Und es zeigt mal wieder…alles kommt dann doch anders. Und alles wird gut.
    Gruß aus
    Signe

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  2. Bor! Ich glaub ich hab beim Lesen auch aufgehört zu atmen! Mann, ey! Hat mich sehr mitgerissen dein Bericht. Und wie immer (ich bin eine Geburtsberichtfan:-D) kamen mir die Tränen als die Maus endlich in deinemArm lag.
    Aber wie cool, Brötchen mummelnd hast du dein Baby zur Welt gebracht 😉

    Ich hab inzwischen beides erlebt: Einleitung, PDA, Saugglocke und alles ganz natürlich und dafür mit extrem viel Geschrei xD

    Vielleicht möchtest du meinenBericht ja auch lesen.
    Liebe Grüße
    Claudia

    https://herzohr.wordpress.com/2018/01/26/unsere-traumgeburt-im-geburtshaus-duesseldorf/

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