Ich will doch auf dich aufpassen…

Kein Licht, kein Ton. Nur die Sonne und ich. Nun liege ich hier, ein Tag nach dem großen Schrecken und fühle mich unglaubliche leer. Gestern hatte ich die bisher schlimmste Stunde meines Lebens. Nicht, weil mir etwas weh getan hat, oder ich mir um mich Sorgen gemacht habe. Ich hatte das erste Mal so richtige schlimme Angst um unser Kind und habe ein Gefühl erfahren, von dem ich hier noch ganz am Anfang des Blogs geschrieben habe, dass ich nicht weiß, ob ich dieses Gefühl jemals empfinden kann.

Ich bin zurzeit bei meiner Mutter. Das letzte Mal ohne Baby, das letzte Mal als „Kind“. Es war mir wichtig, dass ich noch mal hierhin komme und mich dann die restlichen Wochen aufs Brüten konzentrieren kann. Unsere Sonne hat nicht mehr so viel Zeit in meinem Bauch, bald erwartet sie die große weite Welt, die so schön sein kann, aber auch so laut, beängstigend und dreckig. Ich möchte für sie da sein, sie beschützen und ihr ein tolles Zuhause bieten. Darauf möchte ich mich konzentrieren. Bald, so hoffe ich, habe ich dafür richtig Zeit, wenn mein großes Projekt Arbeit abgeschlossen ist und ich vielleicht auch noch 2-3 Wochen Mutterschutz genießen kann. Die letzten Wochen in denen mein Baby so behütet und nah an mir sein kann, wie es nur geht…

Und dann fiel ich. Ich fiel, weil ich ausrutschte. Auf den nassen Fliesen im Badezimmer. Die Wochen Ruhe und vollkommene Konzentrationen auf mein ungeborenes Kind haben noch nicht Mal begonnen und ich stürzte schon jetzt. Konnte jetzt schon nicht gut genug auf sie aufpassen und brachte unser Baby in Gefahr. Ich fiel auf meinen Bauch. Im Flug versuchte ich mich zu drehen und den harten Knall abzufangen, aber ich schaffte es nicht ganz. Mein seitlicher Bauch knallte auf die kalten, nassen Fliesen. Mein Oberschenkel auf Dekosteine, mein Ellenbogen auf eine Vase, die auf mir zerbricht und mein Kopf? Keine Ahnung. Wahrscheinlich ist der als letztes aufgeschlagen. Aber es war mir egal, ich versuchte meinen Bauch zu halten und sie zu stützen. Die ersten Sekunden auf dem Boden. Ich realisierte, was passiert ist und stemmte mich auf. Im Schock lief ich nackt Richtung Badezimmertür, um meine Mutter zu suchen. Kam aber nicht weit, nach wenigen Metern kippte ich um – schwarz vor Augen, mein Kreislauf im Keller. Mein Bruder hörte mich und rief schnell meine Mutter zu mir. Ich lag im totalen Schockzustand auf dem Rücken, hielt meinen Bauch, zitterte und weinte. Sprechen funktionierte nicht. Ich machte mir so große Sorgen.

Der Horror jeder Schwangeren: Fall bloß nicht hin! Du hast keine Möglichkeit dich vernünftig abzufedern. Du hast kein Gleichgewichtssinn mit deinem dicken Bauch, den Kilos mehr. Du kannst dich gar nicht schnell genug drehen.

Ich weiß nicht mehr viel von den Minuten nach dem Sturz, außer, dass ich immer wieder aufstehen wollte und mein Kreislauf es nicht zu gelassen hat. Ich hatte Angst mich hinzustellen, da mir erst ein paar Tage vorhergesagt worden ist, dass unsere Sonne mit dem Po nach unten liegt und ich mich somit bei Fruchtwasserabgang, sofort hinlegen sollte. Aber ich verlor kein Fruchtwasser. Sie bewegte sich aber auch nicht.

Nach ein paar Versuchen klappt das Aufstehen endlich und wir fuhren sofort ins Krankenhaus. Dort angekommen, wartete ich im Kreissaal auf ein CTG, als ich endlich auf der Liege lag (oder besser hing) war mein Blutdruck immer noch nicht besser – die Ärzte machten sich mehr Sorgen um mich – mir alles egal. Ich will die Herztöne meines Kindes hören. Und die blieben aus. Das Gerät zeigte keine Töne an. Die zwei Hebammen sprachen auf mich ein, dass das Baby sich gut versteckt hätte, aber ich sah die Anspannung in ihren Augen. Meine Mutter drückte fest meine Hand und ich? Ich hielt die Luft an und hatte das Gefühl, dass sich meine Augen mit Blut füllten: rot, trocken und trotzdem ganz nass. Nach einer gefühlten Ewigkeit endlich ein Pochen. Sie hatte sich wirklich versteckt. Sie war da. Es geht ihr gut!

Ich dagegen, hatte nun meinen emotionalen Höhepunkt erreicht. Die Anspannung, besonders der letzten Minuten, hatte mir den Rest gegeben und ich bin im Liegen weggeklappt. Nach einer Stunde CTG und Besserung meines Zustandes ging es an den Ultraschall. Alles in Ordnung! Ihr geht es wirklich gut! Meine Körper fing sich langsam an zu entspannen und ich konnte wieder geradeausgucken. Ich fragte meine Mama unentwegt, was die Ärzte und Hebammen gerade gesagt habe, da ich es wie ein Goldfisch sofort wieder vergessen habe – ich war einfach fix und fertig. Ich bekam ein Zimmer. Musste mich ausruhen. Abends nochmal zum CTG. Am nächsten Morgen wieder. Dann noch mal zum Ultraschall. Meine Verletzungen wurden untersucht und ich bin 24 Stunden nach Sturz entlassen worden. Mit einem gesunden Kind im Bauch, eine Prellung meiner rechten Körperseite und einem Schock, von dem ich mich erholten sollte.

Ich war froh aus dem Krankenhaus zu kommen, mich in mein altes Kinderzimmer zu legen und mein Bauch anzufassen. Zu wissen, dass sie dort wahrscheinlich gerade ins Fruchtwasser pinkelt und an ihrem Daumen nuckelt. Doch Zuhause angekommen, habe ich mich nur noch viel unwohler gefühlt. So als hätte ich versagt. Und das schon jetzt… Die einzige Person, die mich stützen kann so weit weg und ich alleine mit meiner Verantwortung, die ich nicht tragen konnte.

Wie gesagt, ich liege hier ­– ein Tag nach dem größten Schreck meines Lebens und bin verwirrt und kaputt. Wahrscheinlich sehe ich morgen alles anders, wieder ein bisschen mehr rosa als schwarz. Aber heute, da würde ich mich gerne zu ihr legen. In diese anscheint doch sehr stabile Fruchtblase und mein kleines Mädchen in den Arm nehmen, mich bei ihr entschuldigen und mich in dem warmen Wasser treiben lassen. Kein Licht, kein Ton. Nur die Sonne und ich.

Autor: mamaaempf

Mama aempf ist ein Mamablog aus Hamburg. Mama Nina schüttet ihr Herz aus und berichtet von echten Problemen und süßer Freude.

2 Kommentare zu „Ich will doch auf dich aufpassen…“

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